Vision Schule – Was SchülerInnen sich wünschen

Wenn LehrerInnen sich mit Schulinnovation beschäftigen, dann tun sie dies oft aus der Perspektive der Pädagogen. Leider wird dabei meist vergessen, die Schülermeinung miteinzubeziehen, was nicht nur bedauerlich ist, sondern auch eine Nichtnutzung von wertvollen Ressourcen darstellt, schließlich sind SchülerInnen Schulexperten, da sie jeden Tag in dieser Institution verbringen.

Diesem Beitrag liegt ein Brainstoming mit SchülerInnen einer 13. Klasse aus Hamburg zum Thema „Vision der Schule des 21. Jahrhunderts“ zugrunde. Die SchülerInnen sollten ihren perfekten Lernort beschreiben, ohne Rücksicht auf scheinbare Restriktionen.

Die Ergebnisse lassen sich in drei Fragestellungen zusammenfassen: Wie wollen wir lernen? Was wollen wir lernen? Wo wollen wir lernen?

Wie wollen wir lernen?

Die Ideensammlung machte deutlich, dass es bei den OberstufenschülerInnen eine Sehnsucht nach zeitgemäßer Technologie im Unterricht gibt. Eine Schülerin gab z.B. zu bedenken, dass weder in den Hochschulen, noch in den Unternehmen Präsentationen mit Plakaten visuell unterstützt werden. In vielen deutschen Oberstufen ist Plakaterstellung jedoch anscheinend fester Bestandteil der Präsentationskompetenz.

SchülerInnen wollen die Möglichkeiten der Technologien, die sie aus ihrer Freizeit kennen (und die in allen anderen gesellschaftlich relevanten Bereichen einen wichtigen Platz einnehmen) auch für ihr schulisches Lernen nutzen. Das heißt: mobiler Zugang zu den Ressourcen des Netzes (um nicht auf Papierquellen beschränkt zu sein), digitale Vernetzung mit den MitschülerInnen und dem Lehrer/der Lehrerin (um den Austausch von Informationen und Materialien zu erleichtern), Einsatz von digitalen Lern- und Kooperationstools (um zeitgemäßes Arbeiten zu ermöglichen).

In der Praxis ist dies jedoch nicht leicht umzusetzen. Handy-Verbote stigmatisieren die Geräte und mit ihnen den einzigartigen Kosmos des Internets. WLAN existiert praktisch nicht an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen, außer vielleicht an „Modell-Schulen“. Digitale Unterrichtskonzepte sind strukturell nicht verankert. In den Kollegien herrscht oft Skepsis gegenüber den „neuen“ Medien, nicht selten auch Unsicherheit.

Für die SchülerInnen sind diese Medien aber nicht neu. Es sind die Medien, mit denen sie aufwachsen. Richtig eingesetzt können sie helfen, individuelles selbstverantwortliches Lernen und kooperatives Arbeiten zu fördern, Motivation zu steigern und Schülerbeteiligung zu erhöhen.

Was wollen wir lernen?

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Frage nach dem Lerninhalt. Hier besteht ein großes Bedürfnis nach lebensnahen Themen. Wenn LehrerInnen es schaffen, aufzuzeigen, dass ein Thema, ein Gegenstand relevant für den Lerner/die Lernerin sein kann, schafft man die Voraussetzung für nachhaltiges Lernen, für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem „Stoff“.

Relevanz sollten eigentlich alle Inhalte aller Fächer haben, sonst wäre die Legitimation für die Integration in die Curricula zumindest diskussionswürdig.

Die oben genannte Frage bezieht sich allerdings nicht nur auf die Inhalte, sondern auch auf die Kompetenzen, die erworben werden. Auch hier haben die SchülerInnen konkrete Vorstellungen geäußert. Schule muss aufzeigen, wie man digitale Medien als Arbeitsmittel nutzt, um z.B. effektiv zu recherchieren, zu strukturieren, zu kooperieren und zu präsentieren. Ansonsten verfehlt sie ihren Auftrag, die SchülerInnen auf das Arbeitsleben nach der Schule vorzubereiten.

Wo wollen wir lernen?

Der durchschnittliche deutsche Klassenraum ist gefüllt mit standardisierten Möbeln, nicht besonders schön, aber praktisch. Meine SchülerInnen, die jeden Tag viele Stunden in solchen Räumen verbringen (wie die LehrerInnen übrigens auch), entwarfen das Bild eines hellen, freundlichen Klassenzimmers mit gemütlichen Stühlen, größeren Tischen, Pflanzen, einer ästhetischen Dekoration und Teppichboden. Kurz: ein Ort zum Wohlfühlen.

Sie brachten außerdem die Idee eines Lernzentrums ins Gespräch, ein Mix aus Ruheraum, Bibliothek und Computerarbeitsplatz, an dem sie ihre Freistunden verbringen können, um sich auf anstehende Präsentationen vorzubereiten, um für die nächste Arbeit zu lernen, um Schulaufgaben zu erledigen oder um im Netz zu surfen.

Last but not least – Die Rolle der Lehrkraft

Die Visionen der SchülerInnen warfen zudem einige Fragen bezüglich der Rolle der Lehrkraft auf. Der Lehrer/die Lehrerin als Rahmensetzer für Unterricht, als Moderator der Lernprozesse und als Berater für die eigene Kompetenzentwicklung hat in der Bildungsbiografie der SchülerInnen eine verantwortungsvolle Funktion. Deshalb wunderten sich die SchülerInnen auch, warum es keine regelmäßigen Hospitationen durch andere LehrerInnen gibt, um Feedback einzuholen und Unterrichtsqualität zu verbessern. Zudem wünschten sich die SchülerInnen eine offene Feedback-Kultur, die in beide Richtungen funktioniert, d.h. auch, dass LehrerInnen sich von ihrer Lerngruppe Feedback geben lassen.

Lange Rede, kurzer Sinn

Schule muss die SchülerInnen auf Berufsbilder vorbereiten, die heute noch völlig unbekannt sind – und man kann mit Sicherheit sagen, dass digitale Fähig- und Fertigkeiten als Schlüsselkompetenz dieser neuen Berufs- und Lebenswelt gelten. Aus diesem Grund muss das deutsche Schulsystem sich aufmachen in das digitale Zeitalter, besser heute als morgen.

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