Schülerfeedback – kleiner Aufwand, große Wirkung

Feedback in der Schule sieht oft so aus: Lehrer geben ihren Schülern eine Rückmeldung über ihren Lernfortschritt oder über ihr Verhalten im Unterricht. Dies geschieht normaler Weise in Form von Noten oder durch mündliche oder schriftliche Rückmeldungen. Manchmal geben Schüler sich auch gegenseitig Feedback, etwa nach einer Präsentation. Viel zu selten jedoch nutzen Pädagogen meiner Ansicht nach die Möglichkeit, sich dem kritischen Urteil ihrer Lerngruppen auszusetzen. Dabei kann Schülerfeedback auf verschiedenen Ebenen positive Effekte erzeugen.

Im Folgenden will ich versuchen aufzuzeigen, welche Chancen es bietet, welche Risiken existieren und welche Aspekte man bei der Umsetzung beachten sollte.

Chancen

In den letzten drei Jahren habe ich in meinen Lerngruppen eine Feedback-Kultur etabliert, die es ermöglicht, systematisch, kritisch, ehrlich, respektvoll und angstfrei die Qualität des Unterrichts und die Lehrertätigkeit zu bewerten.

Dieses Feedback, das ich mir i.d.R. zweimal pro Halbjahr von jeder Lerngruppe einhole, gibt zu allererst einen Einblick in die aktuelle Stimmung der Lerngruppe. Man kann relativ leicht ablesen, inwiefern eine Gruppe bzw. die einzelnen Individuen mit den Inhalten und Themen, den Methoden und Arbeitsformen sowie der Unterrichtatmosphäre und dem Verhältnis von Schülern und Lehrkraft untereinander zufrieden sind. Feedback kann somit als Ventil dienen, welches Spannungen innerhalb einer Lerngruppe abbaut, bevor sie sich verhärten oder zu einer Eskalation führen.

Zudem bekommt man als Lehrer eine kritische Evaluation der eigenen Tätigkeit, die im Schulalltag zumeist zu kurz kommt, da kollegiale Hospitationen noch nicht die Regel an deutschen Schulen sind. Die Schüler können den Unterricht oft besser einschätzen als man denkt, da sie teilweise bis zu einem Dutzend verschiedene Unterrichte als Vergleichsgrundlage haben.

Feedback kann außerdem einen positiven Effekt auf das Selbstwertgefühl haben; so bekomme ich neben Anregungen, Kritik und Verbesserungsvorschlägen auch Lob und Anerkennung, also Wertschätzung, die im Arbeitsalltag (auch und insbesondere von Lehrern) von großer Bedeutung ist.

Auch die Beziehungsebene von Lehrer und Lerngruppe kann vom Instrument Schülerfeedback profitieren.Die Schüler fühlen sich ernst genommen und bekommen das Gefühl vermittelt, einen konstruktiven Einfluss auf die Rahmenbedingungen ihres Lernens zu haben. Wenn der Lehrer den Schülern respektvoll begegnet, die Rückmeldungen ernst nimmt und diese auch (zum Teil) in die Unterrichtsgestaltung miteinfließen, dann kann Schülerfeedback dabei helfen, eine dauerhaft positive Beziehung auszuprägen und somit die Lernatmosphäre nachhaltig zu verbessern.

Risiken

Als Lehrer macht man sich angreifbar, wenn man den Schülern erlaubt, ein kritisches Feedback zu formulieren. Man betritt einen Diskursraum, den man (insbesondere bei anonymen Feedback) nicht oder nur sehr bedingt kontrollieren kann. Als ich damit anfing, Feedback einzuholen, ging ich davon aus, dass die Rückmeldungen ausschließlich positiv sein werden – schließlich gab ich meinen Schülern ja ein „Privileg“, das nicht jeder Lehrer seinen Schülern einräumte. Das sollte doch auch belohnt werden.

Natürlich war das Feedback nicht ausschließlich positiv und meine Erwartungshaltung diesbezüglich naiv und nicht zweckmäßig. Es war sogar teilweise äußerst kritisch. Aber diese  Rückmeldungen haben mir geholfen, meinen eigenen Unterricht wirklich zu reflektieren. Wie konnte es sein, dass es Schüler in meinem Oberstufenunterricht gab, die von sich behaupteten, sie hätten Angst, sich auf Englisch zu äußern, wenn ich doch selbst der Überzeugung war, dass ich einen angstfreien Lern- und Diskussionsraum geschaffen hatte? Wie konnte es sein, dass nicht alle Schüler meinen Unterricht interessant fanden, ja einige sogar meinten, er sei uninteressant, wo ich doch im festen Glauben war, die gewählten Themen seien aktuell und für jedermann spannend? Solche und ähnliche Fragestellungen haben bei mir zu einem kritischeren Blick auf die eigene Lehrtätigkeit geführt. Die Sichtweise der Schüler hat mir dabei geholfen, mein Unterrichtsselbstbild facettenreicher werden zu lassen und dabei bestimmte Bewusstseins- und Erkenntnisprozesse initiiert, die die Voraussetzung für zielorientierte Veränderung bilden.

Schüler-Feedback kann natürlich auch Quelle der Frustration sein, nämlich dann, wenn die Schüler nur ein oberflächliches, wenig engagiertes Feedback geben. Der Grund dafür kann vielfältig sein: ein außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegender Faktor, die methodische Umsetzung des Feedbacks oder aber auch die fehlende Übung; aller Anfang ist ja bekanntlich schwer. Hier gilt es, sich nicht entmutigen zu lassen.

Die größte Gefahr, die ich im Zusammenhang mit Schülerfeedback sehe, ist jedoch, dass man sich von kritischem Feedback persönlich angegriffen fühlt und sich anstatt auf einen selbstkritisch-reflexiven Meta-Diskurs einzulassen, zurückzieht und beleidigt, ja vielleicht sogar verletzt einen „jetzt-erst-recht“-Kurs einschlägt. Dies wäre natürlich fatal und kontraproduktiv.

Wenn man es jedoch schafft, das durch die Kritik ausgelöste Gefühl auszuhalten, kann es sogar entlastend wirken, sich als Lehrer (auch vor den Schülern) einzugestehen, dass man nicht perfekt ist und dass es sich bei Unterricht um eine (mehr oder weniger) durchdachte Versuchsanordnung handelt, die niemals einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.

Der Umgang mit dem Feedback ist also entscheidend. Es reicht nicht aus, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern und die Äußerungen zu analysieren. Wichtig ist der gemeinsame Austausch über das Feedback, die gemeinsame Interpretation der Ergebnisse.

Umsetzung

Zuerst sollte man sich überlegen, in welcher Form man das Feedback einholen will. Ein mündliches Feedback hat den Vorteil, dass es direkt ist und die Auswertung im Gespräch erfolgen kann. Allerdings ist es nicht anonym und deshalb, gerade wenn man neue Gruppen hat, nicht unbedingt zu empfehlen, da auf Schülerseite Vorbehalte hinsichtlich kritischer Äußerungen existieren könnten, aus Angst vor möglichen Konsequenzen.

Ein schriftliches Feedback kann Anonymität und somit eine ehrliche Kritik ermöglichen. Außerdem sind die Rückmeldungen dokumentiert und können mehrmals, auch nach zeitlichen Abstand, rezipiert werden. Um zu vermeiden, dass die Auswertung des Feedbacks nicht zu einer weiteren Arbeitsbelastung im ohnehin schon hohen Workload der Pädagogen wird, empfiehlt es sich, digitale Hilfsmittel einzusetzen. Bekannte webbasierte Lösungen sind Google Form und Survey Monkey. Gespannt sein darf man auf die Edkimo App, die sich momentan in der Testphase befindet.

Wie oben schon erwähnt, muss man Feedback mit der Lerngruppe üben. Insbesondere jüngere Schüler sind häufig unsicher und neigen zu einseitigem oder oberflächlichen Rückmeldungen. Um dies zu vermeiden, müssen die Kriterien besprochen und die Kategorien gut gewählt sein. Vielfältige Anregungen dazu bietet das Netz. Bevor man also mit dem Feedbacken beginnt, sollte man sich gut überlegen, was genau man eigentlich von seiner Lerngruppe wissen will.

(Anmerkung: Die Begriffe Lehrer und Schüler werden aus sprachökonomische Gründen geschlechtsneutral genutzt. Gemeint sind i.d.R. beide Geschlechter.)

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2 Antworten zu Schülerfeedback – kleiner Aufwand, große Wirkung

  1. Thomas schreibt:

    Danke für Deinen Artikel! Ich beschäftige mich auch gerade mit der Thematik. Hast Du Dich schon mal mit Design Based Research beschäftigt? Für mich zumindest hört es sich so an, als würdest Du intuitiv diese Methode benutzen, um Deinen Unterricht weiter zu entwickeln 😉

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