Open Educational Resources (OER) – ein Interview mit Sebastian Seitz von der Technologiestiftung Berlin

Open Educational Resources (OER) sind in den letzten Jahren zu einem Schlagwort innerhalb des deutschen Bildungsdiskurses geworden. Einige Bundesländer (z. B. Berlin) wollen diese offenen Bildungsmaterialien verstärkt fördern. Befürworter erhoffen sich einen positiven Effekt auf die deutsche Lernlandschaft; Kritiker bemängeln u.a., dass die Qualitätssicherung der Materialien nicht hinreichend gegeben ist. Im folgenden Interview gibt Sebastian Seitz von der Technologiestiftung Berlin Auskunft über OER und die Potentiale, die diesen innewohnen.

Lieber Sebastian, was genau sind OER?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen, weil es keine einheitliche Definition gibt. Die in Deutschland am häufigsten genutzte Definition stammt von der UNESCO und bezeichnet „Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt.“

Für mich sind OER jegliche Art von Information, welche frei sind gemäß den Bestimmungen der Open Definition und welche in einem pädagogisch/didaktischen Kontext stehen. Allerdings gehen hier die Meinungen auseinander. Für manche ist ein pädagogischer Kontext nicht zwingend notwendig. In meinen Augen verschwimmt aber dadurch die Grenze zwischen OER und freien Inhalten (Open Content). So würde alles, was mit einer freien Lizenz gekennzeichnet ist, automatisch zu OER. Also z. B. auch ein vollkommen isoliert betrachtetes Foto einer Kaffeetasse. Es gibt zwar eine starke Überschneidung von OER und Open Content, aber eben auch Unterschiede.

Wo finde ich diese Materialien?

Hauptsächlich online, wobei es immer wieder frei lizenzierte Materialien in analoger Form gibt. Eine ganze Reihe an Webseiten bieten OER an. Sehr bekannt sind die Zentrale für Unterrichtsmedien e.V. oder EduTags, ein Projekt des Deutschen Bildungsservers. Eine sehr umfangreiche Sammlung bietet auch die Webseite OER Commons, wobei diese leider nur englischsprachige Inhalte bereitstellt und teilweise sogar unfreie Lizenzen Verwendung finden. Eine wirklich zentrale Anlaufstelle gibt es in Deutschland bisher leider nicht, dafür aber Plattformen für bestimmte Unterrichtsfächer wie z.B. segu für den Geschichtsunterricht.

Was muss ich als Lehrer beachten?

Grundlegende Kenntnisse des Urheberrechts zu haben ist im Umfeld von OER sehr hilfreich. Freie Inhalte werden sonst gerne gleichgesetzt mit lizenzfreien Inhalten oder mit Creative-Commons-Lizenzen, welche auch unfrei sein können. Absolut empfehlenswert für den Einstieg in die OER-Welt ist der Miniratgeber Offene Bildungsressources (OER) in der Praxis von Rechtsanwalt John H. Weitzmann und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

Ein Schulbuch muss einen langen Weg gehen, bevor es auf den Markt kommt; OER kann im Prinzip jeder erstellen. Wie stellt man sicher, dass gewisse Qualitätsstandards gewährleistet sind?

Auch OER können im Format eines Schulbuchs sein und müssen bei gleichen Prozessabläufen einen ähnlich langen Weg gehen. Bei OER handelt es sich aber in den meisten Fällen um kleinere, digitale Inhalte, die potentiell schneller für die Zielgruppe zugänglich sind.

Die beste Qualitätskontrolle ist sicherlich die Lehrkraft, die das Material im Unterricht einsetzen wird. Lehrerinnen und Lehrer sind dafür gut ausgebildet worden und verfügen über alle nötigen Kompetenzen, um Materialien zu prüfen und einzuschätzen. Zwar gibt es in vielen Bundesländern staatliche Zulassungsstellen für Schulbücher, aber in anderen auch keine. Hier lässt sich kein Qualitätsverfall beobachten, obwohl prinzipiell jedes Material im Unterricht eingesetzt werden kann und nach Prüfung durch die Lehrkraft auch wird. Dieses Prinzip halte ich für klug und unterstützungswert.

Davon abgesehen sind Schulbücher, nur weil sie eine Zulassungsstelle durchlaufen haben, nicht zwangläufig auch gut. Stiftung Warentest hat 2007 insgesamt 18 Bio- und Geschichtsbücher überprüft und konnte nur wenige davon uneingeschränkt empfehlen. Es würde mich wundern, wenn sich seit dieser Prüfung die Produktionsweise der Verlage und die Kontrollweise der staatlichen Stellen grundlegend geändert haben.

Inwiefern kann ich als Lehrer von OER (im Vergleich zu traditionellen Bildungsmaterialien) profitieren?

Zunächst einmal wird Rechtssicherheit geschaffen, weil mit OER genau die Dinge gemacht werden dürfen und sollen, die Lehrkräfte bisher ohnehin schon mit allen Materialien machen: nutzen, kopieren, verändern, teilen. Das altbekannte „Alle Rechte vorbehalten“ erlaubt einen solchen Umgang eigentlich nicht. So gehen leider viele Verbesserungen an Materialien einfach verloren, weil sie nicht öffentlich ausgetauscht werden dürfen. Diese Lücke wird durch OER geschlossen. Wenn ich z. B. für eine ziemlich spezifische Unterrichtssituation Material suche, dann ist es sehr gut möglich, dass bereits irgendwo jemand vor der gleichen Herausforderung stand. Hier sind vielleicht schon Materialien durch eine Kollegin oder einen Kollegen entwickelt worden. Diese könnte ich dann nutzen und falls nötig anpassen. Die Änderungen würde ich dann wieder anderen Kollegen öffentlich anbieten. Kurz gesagt tragen OER dazu bei, dass das Rad nicht in jeder Schule immer wieder neu erfunden werden muss.

Inwiefern kann ich als Schüler von OER (im Vergleich zu traditionellen Bildungsmaterialien) profitieren?

In klassischen Unterrichtskonzepten, bei denen die Lehrkraft Materialien zur Unterrichtsvorbereitung nutzt, können Schülerinnen und Schüler möglicherweise von einer individuelleren Gestaltung der Materialien profitieren. Das setzt natürlich voraus, dass die Lehrkraft eine Anpassung der Materialien auch vornimmt.

Im offenen oder schüleraktiven Unterricht kann man das Prinzip natürlich weiter denken und die Schülerinnen und Schüler selber Materialien erstellen lassen, welche sie dann wiederum anderen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellen. Diese verwerten das Material im Rahmen des eigenen Lernens dann weiter. An der Oskar-von-Miller-Schule in Kassel wird dieses Prinzip durch Einsatz von E-Portfolios mit der Open-Source-Software Mahara umgesetzt.

Das Schulsystem befindet sich in einer Umbruchsituation; wie kann OER dabei helfen, die “Schule von morgen” zu erschaffen?

OER ermöglichen eine Individualisierung von Lehrmaterialien, eigenen sich sehr gut für schüleraktive Unterrichtsformen und haben das Potenzial den (internationalen) Austausch zwischen Lehrern und Schülern zu fördern. Trotzdem sind OER kein Allheilmittel und freie Lizenzen sind kein Garant für guten Unterricht. Was sich aber klar sagen lässt ist, dass das Einräumen von mehr Freiheiten im Umgang mit Lehr- und Lernmaterialien ein wichtiger Baustein für die neuen Ideen sein kann, welche die „Schule von morgen“ prägen.

Was bedeutet OER für die großen Schulbuchverlage?

Die Verlage öffnen sich aktuell stark für das Thema, wobei für diese natürlich die Frage des Geschäftsmodells besonders wichtig ist. Wie soll man mit etwas Geld verdienen, was frei verfügbar ist? An der Frage versuchen sich aktuell auch Start-Ups, die wegen der meist geringen Größe wesentlich flexibler sind und auf Veränderungen schneller reagieren können. Zudem beobachte ich bei manchen Vertretern der Verlagsbranche den Versuch Open-Washing zu betreiben. Also etwas als offen zu verkaufen, was aber nicht wirklich frei und offen ist. Der Fairness halber sollte hier aber erwähnt werden, dass dies teilweise aus Unkenntnis und nicht aus böser Absicht heraus geschieht.

Ich sehe Politik und Verwaltung aktuell in der Verantwortung die Produktion von lehrplankonformen OER in einem Pilotprojekt auszuschreiben. Bisher ist es für die Verlage nämlich quasi unmöglich OER zu produzieren, weil es keine Käufer dafür geben würde. Auf der anderen Seite kann die Politik keine Mittel für den OER-Einkauf bereitstellen, weil es noch niemanden gibt, der OER im Angebot hat: Ein Henne-Ei-Problem.

Was ist deine Vision hinsichtlich OER im deutschen Schulsystem?

Meine Vision wäre die wirklich offene und vernetzte Schule, in der Lehrer und Schüler in schulübergreifenden Communities OER nutzen, produzieren, weiterentwickeln und tauschen. Und zwar mittels einer Infrastruktur auf Basis von Freier und Open-Source-Software. Freie Inhalte können nur durch offene Standards und Freie Software dauerhaft unabhängig gesichert werden.

Fasse bitte in einem Satz zusammen, warum OER flächendeckend im Unterricht eingesetzt werden sollten.

Open Educational Resources sollten flächendeckend im Unterricht eingesetzt werden, weil sie nicht nur Rechtssicherheit bieten und Innovationen durch freien Austausch und freie Weiterentwicklung ermöglichen, sondern vor allem weil sie durch Offenheit und die Möglichkeit der Mitgestaltung die zentralen Ziele des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags verkörpern und fördern.

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Sebastian Seitz

Projektmanager Technologiestiftung Berlin

Sebastian Seitz

Sebastian Seitz

Sebastian Seitz arbeitet als Projektmanager bei der Technologiestiftung Berlin und kümmert sich dort um die Themen Open Educational Resources und Maker Movement. Er hat Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Schulpädagogik und Medien in Bielefeld studiert und greift auf Erfahrungen aus der Arbeit mit einem bilingualen Kindergarten, Forschungsprojekten in Grundschulen und Gymnasien, Lehrveranstaltungen an der Universität sowie dem Bildungsmonitoring in administrativen Verwaltungen zurück. Er setzt sich für mehr Offenheit in der Bildung ein und schaut dafür gerne zur Open-Source-Community. Sebastian ist seit 9 Jahren passionierter Linux-User und twittert unter @bastiseitz.

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