Spaghetti con Marshmallow – Nudeltürme für eine neue Unterrichtskultur

Nudeln im Unterricht? Kochkurs oder was? Zugegeben, der Titel ist etwas irritierend, aber wer schon mal an einem Design Thinking Workshop teilgenommen hat, der wird vielleicht auch Erfahrungen mit der Marshmallow Challenge gesammelt haben. Dieser Blogbeitrag stellt die Challenge als eine tolle Methode für den Fachunterricht vor und versucht aus ihr Merkmale einer neuen Unterrichtskultur abzuleiten.

Das Ziel der Marshmallow Challenge ist es, in Kleingruppen einen freistehenden Turm aus Spaghetti zu bauen, auf dessen Spitze ein Marshmallow platziert werden muss. Das Team, das am Ende der 18-minütigen Arbeitszeit den höchsten Turm gebaut hat, gewinnt.

Alles, was man pro Team (3-5 SchülerInnen) dafür benötigt, sind: 20 Spaghetti, 1 Meter Kreppklebeband, 1 Meter Schnur und natürlich 1 Marshmallow. Sinnvoll ist auch der Einsatz einer sichtbaren Stoppuhr. Diese könnte z. B. über ein interaktives Whiteboard angezeigt werden; aber auch Zeitansagen funktionieren.

Materialien für die Marshmallow Challenge

All you need is love. And some supplies.

Grundsätzlich kann man die Challenge als Unterrichtsmethode in allen Jahrgängen einsetzen. Sie eignet sich besonders als Einstieg in eine Projektphase, in der in Kleingruppen über einen längeren Zeitraum kooperativ gearbeitet wird. Man glaubt es kaum, aber nach 18 intensiven Minuten hat sich in den Gruppen (i.d.R.) ein Wir-Gefühl entwickelt, eine gute Voraussetzung für die weitere Zusammenarbeit. Man hat gemeinsam gebastelt und gebangt, geredet und geflucht, gelacht und gejubelt. Es ist erstaunlich, wie stark man sich mit dem eigenen Nudeltürmchen identifiziert.

Außerdem kann man die Challenge auch gut in der ersten Stunde eines neuen Kurses durchführen. Somit ist das Eis schnell gebrochen und man schafft in kurzer Zeit engere Beziehungen, als jede Vorstellungsrunde dies je könnte.

Nachdem die Konstruktionen vermessen und die Sieger gekürt wurden, schließt sich ein Unterichtsgespräch an, in dem die verschiedenen Eindrücke während der Arbeitsphase ausgetauscht werden und ggf. Probleme aber auch positive Erfahrungen thematisiert werden. Hier sollte der Lehrer als Moderator tätig sein.

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Schülergruppe bei der Marshmallow Challenge

Die Tatsache, dass die Lerngruppen, mit denen ich die Marshmallow Challenge bisher durchgeführt habe, stets hoch motiviert, äußerst aktiv und emotional sehr beteiligt waren, hat mich angeregt, über die dahinterliegenden Prozesse nachzudenken. Denn was kann einem im Unterrichtskontext Besseres geschehen, als SchülerInnen, die um ein paar Minuten mehr Zeit bitten, damit sie die Aufgabe noch besser erfüllen können?

Bei genauerer Betrachtung kann man feststellen, dass die Mechanismen, die bei der Challenge greifen, auch für den Schulunterricht im Allgemeinen bedeutsam sind.

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, die aus diesen Überlegungen abgeleiteten Merkmale einer neuen Unterrichtskultur  kurz  (in alphabetischer Reihenfolge) zu skizzieren.

Kommunikation: Der Austausch in der Gruppe ist wichtig für eine erfolgreiche Bewältigung der Challenge. Die Erfahrung zeigt, dass Gruppen, die gut kommunizieren, gute Ergebnisse erzielen, da die verschiedenen Einzelideen zusammengeführt werden.

Konzentration: Ein konzentriertes Arbeiten ist notwendig, um den Turm nicht zum Einstürzen zu bringen.

Kooperation: Kooperatives Arbeiten führt zu besseren Ergebnissen, da die Rollen verteilt sind und somit Ressourcen effektiver genutzt werden.

Kreativität: Die Methode erfordert Kreativität, setzt diese aber auch frei, da die Aufgabe offen ist und nicht kleinschrittig vorgegeben wird, was wann zu tun ist. Nur das Ziel ist gesetzt, der Weg dorthin völlig frei.

Motivation: Das gemeinsame Ziel und der kompetitive Charakter der Übung fördern die Motivation und somit die Bereitschaft, sich mit einem Gegenstand bzw. einem Problem zu beschäftigen.

Problemlösungsorientierung: Es gibt ein reales Problem (in diesem Fall den zu bauenden Turm), für welches eine Lösung gefunden werden muss. Die Übung hat einen plausiblen Kontext.

Produktionsorientierung: Am Ende steht (oder liegt …) ein Produkt. Dieses klare Ziel leitet das gemeinsame Arbeiten und bildet den roten Faden für den Prozess.

Schüleraktivität: Bei der Marshmallow Challenge sind die Schüler aktiv. Sie arbeiten, weil sie gefordert sind. Jeder hat eine Aufgabe, jeder trägt zum Gruppenerfolg bei.

Schülerzentrierung: Der Schüler steht im Zentrum der Unterrichtphase. Der Lehrer hält sich während der Challenge komplett im Hintergrund. Er ist dafür verantwortlich, die Rahmenbedingungen für den Arbeitsprozess zu schaffen, d. h. das Lernsetting vorzubereiten, die Materialien zu besorgen und die Aufgabe möglichst visuell unterstützt zu erklären. Gegebenenfalls beantwortet er Nachfragen und sagt die Zeit an. Nach der Challenge moderiert er das Feedbackgespräch

Spaß: Last but not least – die Challenge macht Spaß! Die Bedeutung von Spaß für den Lernprozess wird jedoch leider vielerorts immer noch völlig unterschätzt.

Team während der Marhsmallow Challenge

Konzentration auf den Nudelturm

Die Auflistung erhebt natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, da wichtige Prinzipien wie z.B. Projektorientierung, Kompetenzorientierung, Individualisierung, die Etablierung einer Feedbackkultur oder aber der Einsatz digitaler Medien nicht abgebildet werden können. Aber sie kann als Anregung für den eigenen Unterricht und als Diskussionsgrundlage für die konzeptionelle Unterrichtsentwicklung an Schulen dienen.

Zum Schluss noch ein Lesetipp: Wie man die Marshmallow Challenge in der Erwachsenen-Bildung einsetzen kann, daüber hat Zwetana Penova einen tollen Blogbeitrag geschrieben: The Marshmallow Challenge – über das Glücksgefühl beim Spaghetti-Türme-Bauen

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