Bildung in der digitalen Gesellschaft – ein Interview mit Tanja Haeusler, Mitgründerin der re:publica und Coautorin des Elternratgebers „Netzgemüse“

Durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft unterscheidet sich die Lebenswelt der Heranwachsenden im Jahr 2015 erheblich von der Kinder- und Jugendzeit ihrer Eltern. Der mobile und kostengünstige Zugang zum Internet hat die Art und Weise, wie wir Inhalte konsumieren, Informationen recherchieren, Einkäufe tätigen, miteinander kommunizieren oder unsere Arbeit organisieren grundlegend verändert. Alle gesellschaftlich relevanten Bereiche sind von der digitalen Transformation betroffen. Alle? Nun ja, fast: Das deutsche Schulsystem macht sich erst langsam auf, vorsichtig das digitale Terrain zu erkunden. Im folgenden Interview teilt Tanja Haeusler ihre Gedanken zur Bildung im 21. Jahrhundert.

Liebe Tanja Haeusler, was sind aus Ihrer Sicht die größten Chancen des digitalen Zeitalters für unsere Gesellschaft?

Mit rosa Brille beschert uns das Web 2.0 eine nie dagewesene Möglichkeit zur Teilhabe an der Wissensgesellschaft und an Politik. Digitale Technologien bieten zudem enorme Berufschancen auch auf dem internationalen Markt, wo es dank Internet nicht mehr ungewöhnlich ist, dass ein Team über den halben Globus veteilt zusammen arbeitet.

Was sind die größten Risiken?

Der Verlust der Privatheit. Sowohl das Bewusstsein, allumfassend überwacht werden zu können, als auch die technisch bedingte, ständige Erreichbarkeit gefährden die menschliche Freiheit.

Was benötigen Kinder und Jugendliche, um in dieser digitalisierten Welt mündige Erwachsene zu werden?

Sie brauchen sowohl das Bewusstsein, als auch das nötige KnowHow, um nicht zu Untertanen der Technik und ihrer Begleitphänomene zu werden. Technische Errungenschaften werden nicht zurückgenommen werden. Zur Gestaltung der Gesellschaft, die sich durch ihre Digitalisierung verändert und weiter verändern wird, brauchen wir eine Generation von wachen, mündigen Bürgern.

Wie müsste eine Schule aussehen, die die Kinder und Jugendlichen bestmöglich auf ein Leben im 21. Jahrhundert vorbereitet?

Technische Aufrüstung ist weniger wichtig, als ein verändertes Lernen und Lehren weg von der reinen Wissensvermittlung hin zur Förderung der Kompetenzen, die für die zukünftige Arbeits- und Lebenswelt von Bedeutung sein werden. Hierzu gehören Kommunikation und die Fähigkeit, kollaborativ zu arbeiten. Hinzu kommt Kritikfähigkeit, um sich im gigantischen Wissensarchiv des Internets zurecht zu finden. Lehrern kommt dabei die wichtige Rolle des Projektleiter und Mentoren zu.

Was müsste sich am deutschen Schulsystem ändern, damit diese Schule Wirklichkeit werden könnte?

Puh… Diese Frage, so scheint es, stellt sich das Kultusministerium so lange, bis uns schließlich alle Schulen auf der Welt überholt haben. Ich würde deshalb sagen: fangt einfach mal an. Egal wie, egal womit, hauptsache, es bewegt sich irgendwas.

Thema „Handy-Verbot“ an deutschen Schulen: immer wieder diskutiert, zuletzt beim Edchat auf Twitter oder im Rahmen dieser Kolumne Ihres Mannes auf WIRED. Denken Sie, dass wir im Hinblick auf Wearables, Implantate und das Internet of Everything in dreißig Jahren über die Handy-Verbots-Debatten schmunzeln werden?

In dreißig Jahren? Nennen Sie mir eine einzige Person, die heute neue Technologien aktiv nutzt und nicht lauthals darüber lacht! Ich will nicht behaupten, dass Smartphonenutzung keine Probleme mit sich bringt. Eben diese Probleme aber vors Schultor zu verbannen und sich damit aus der Verantwortung zu ziehen, ist eigentlich nicht zum Lachen, sondern zum Weinen.

Es gibt in Deutschland häufig Stimmen, die vor dem (zu großen) Einfluss der digitalen Technologien im Bildungskontext warnen. Im Wesentlichen kann man, so denke ich, vier unterschiedlich motivierte Kritikfelder unterscheiden:

a) neurobiologisch/lernpsychologisch: die Kinder werden „digital dement“, sie erfahren die Welt nicht mehr „sinnlich“, sie „verlernen das Lernen“.

b) marktkritisch: durch die Digitalisierung der Bildung nimmt die Ökonomisierung & Privatisierung des Bildungssystems zu und Großkonzerne erhalten zu viel Einfluss auf die schulische Bildung, die sie als wachsenden Markt für sich erkannt haben.

c) datenschutzrechtlich: durch das Tracking der individuellen Lernprozesse beim adaptiven Lernen entstehen detaillierte Persönlichkeitsprofile.

d) mehrwert- und gelingensskeptisch: bringt nichts, zu teuer, lenkt vom Eigentlichen ab, funktioniert nicht zuverlässig usw.

Wie stehen Sie zu diesen Thesen?

a) Kann stimmen, valide Untersuchungen gibt es dazu aber noch keine. Menschen haben sich immer ihren Lebensbedingungen angepasst. Wer kann heute noch Feuer machen, einen Hasen fangen oder sich nach den Sternen orientieren? Ist das schlimm? Ja, aber dafür können wir heute andere neue Dinge, die man vor hundert Jahren nicht konnte.

b) Finde ich problematisch, ja. Aber wenn sich staatliche Institutionen nicht um den dringend benötigten Nachwuchs kümmert, kann man es Unternehmen schlecht verübeln, wenn sie hier in die Zukunft investieren.

c) Siehe oben. Ein großes Problem. Wie überall wird man Risko und Nutzen gegeneinander abwägen müssen, doch auch hier müssen wir uns eingestehen, Fehler machen zu dürfen, und dass wir nicht alle Lösungen parat haben, bevor wir überhaupt begonnen haben, uns den Veränderungen anzunehmen.

d) Noch mal: wir werden sehen. Fangt erstmal an. Deutschland kann es sich nicht leisten, hier international abgehängt zu werden. Der Sprung ins digitale Wasser muß nicht gleich ein olympiareifer Dreifachsalto mit Schraube sein. Für jetzt reicht die Arschbombe.

Zum Schluss ein kurze Frage: Gibt es etwas, das Sie an Ihrer Jugendzeit schätzen und das der Generation Ihrer Kinder verwehrt wird?

Langeweile!!!

 Vielen Dank für Ihre Zeit!

***

Tanja Haeusler

Tanja Haeusler

Tanja Haeusler
Copyright: re:publica/Gregor Fischer (CC BY-SA 2.0)

Tanja Haeusler ist Mutter und Mitgründerin der re:publica, einer der größten Europäischen Konferenzen zur digitalen Gesellschaft. Mit ihrem Mann Johnny Haeusler schrieb sie den Elternratgeber Netzgemüse. Gemeinsam schrauben sie aktuell an einem Festival für digitale Jugendkultur, der TINCON.

Link zur Foto-Quelle: https://www.flickr.com/photos/re-publica/17190021100/

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