Kinder machen mBooks – ein Tablet-Projekt mit Flow-Effekt

Als gute Lehrer wollen wir, dass Kinder gern zur Schule gehen, dass sie ihre Neugier und Freude am Lernen ausleben können und dass sie das ihnen innewohnende Potential entdecken und entfalten. Wir wollen, dass sie etwas über sich und die Welt lernen, dass sie Kulturtechniken erwerben und dass sie zu selbstbewussten und verantwortungsvollen Persönlichkeiten heranwachsen, die in der Lage sind, den Herausforderungen des Lebens im 21. Jahrhunderts nicht nur souverän zu begegnen, sondern diese auch aktiv zu gestalten. Leider wird dieser Anspruch in der schulischen Realität oft nicht erreicht.

Wenn man aber die Idee ernst nimmt, dass jedes Kind Talente hat und wir als Pädagogen die Aufgabe haben, den Rahmen zu schaffen, dass diese Talente zum Vorschein kommen, gewürdigt werden und sich entwickeln können, dann sollte man 1) am oben formulierten Anspruch festhalten, auch wenn er nicht immer erreicht wird und muss sich 2) notgedrungen von einer engen Vorstellung von Unterricht, der für alle Kinder einer Lerngruppe die gleichen Ziele formuliert, die gleichen Vorgehensweisen zur gleichen Zeit vorgibt und der Leistungen auf Basis von standardisierten Tests misst, verabschieden.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Die Frage ist vielmehr, wie setzt man sie in der Praxis um?

Schülerinnen bei der Arbeit an ihrem mBook

Schülerinnen bei der Arbeit an ihrem mBook

Man stelle sich folgendes Szenario vor: 23 Kinder im Alter von 12 Jahren arbeiten in kleinen Teams an ihren Projekten. Sie lernen fächerübergreifend und selbstorganisiert. Sie freuen sich auf den Unterricht. Sie sind motiviert, so motiviert, dass sie die Zeit vergessen und die Pause durcharbeiten. Sie laufen durch den Raum und helfen sich gegenseitig. Sie sprechen miteinander, aber so, dass andere nicht gestört werden. Sie arbeiten auf den Fluren, in Nebenräumen, auf dem Schulhof, ohne, dass es eine einzige Beschwerde gibt. Sie entwickeln Gestaltungsideen, recherchieren relevante Informationen, schreiben deskriptive und kreative Texte, filmen Kurzvorträge, suchen passende Bilder und machen Tonaufnahmen – ohne, dass sie daran erinnert werden müssen, ohne dass man sie ermahnen oder ihre Verhalten sanktionieren muss.

Schwierig, würde man meinen, zumal an einer urbanen staatlichen Gesamtschule, mit Sachzwängen, stark heterogener Schülerschaft und curricularer Vorgaben, in der in Fächern und Unterrichtsstunden gelernt wird und in der Klassenarbeiten geschrieben und Noten vergeben werden.

In einem mehrwöchigen Projekt, dass ich kürzlich mit meiner 6. Klasse gemacht habe, konnte man jedoch genau dieses Szenario beobachten. Die Schüler haben zum Oberthema „Kinder in aller Welt“ mBooks gestaltet. Das Wort mBook steht für multimediales Buch, was bedeutet, dass neben Handschrift, getipptem Text und Bildern auch Ton- und Video-Dateien integriert werden können. Dafür haben wir die App Book Creator benutzt, die für die drei großen mobilen Betriebssysteme erhältlich ist. Die Kinder haben zu zweit an einem Tablet gearbeitet und multimediale Bücher über das Leben Gleichaltriger in anderen Teilen der Welt erstellt – ein Thema mit großem Identifikationspotential für Sechstklässler. Als Lehrer habe ich für die Rahmenbedingungen gesorgt (Projektziele benannt, Werkzeuge bereitgestellt und erklärt, Zeitrahmen gesetzt) und die Kinder während der Arbeit an ihren „Büchern“ beraten.

Schülerin bei der Arbeit an ihrem mBook

Schülerin bei der Arbeit an ihrem mBook

Es ist erstaunlich, wie selbstständig und ambitioniert auch die Kinder gearbeitet haben, die oftmals als Problemkinder stigmatisiert werden, Kinder die in „traditionellen“ Unterrichtssettings zu laut, zu frech, zu unkonzentriert oder unmotiviert sind.

Die relative Freiheit, die das Format mBook zulässt, kombiniert mit dem schier unbegrenzten Zugriff auf Informationen, Wissen, Werkzeuge und Materialien durch das mit dem Internet verbundene Tablet sowie die Aussicht ein multimediales Produkt zu erstellen, das nicht nur für die Augen des Lehrers geschaffen wird, sorgten dafür, dass unterschiedlichste Zugänge zum Thema möglich waren, dass verschiedene Sinne angesprochen wurden, dass individuelle Stärken zum Vorschein kamen und dass kreative Prozesse sich entfalten konnten. Auch leistungsschwächere Kinder machten positive Selbstwirksamkeitserfahrungen und trugen zum Gelingen des Projekts bei.

Nicht nur das: die Kinder bemühten sich zum Beispiel auch um eine korrekte Orthografie, nutzten duden.de oder die Google-Sprachsuche, ja diskutierten die Schreibweise sogar teilweise leidenschaftlich, weil sie das Bedürfnis hatten, dass ihr Buch „fehlerfrei“ wird.  Und natürlich waren die Texte am Ende nicht komplett „fehlerfrei“, aber darum geht es nicht. Es sind die Haltung zur Sprache sowie der Willen zu verstehen, wie ein Satz grammatisch oder orthografisch richtig gebaut wird, die entscheidend sind. Die Arbeit mit Sprache und Texten positiv zu besetzen – wenn (Deutsch)Unterricht das leistet, dann hat er viel erreicht.

Schüler präsentieren sich ihr mBook

Schüler präsentieren sich ihr mBook

Am Ende des Projekts stellten sich die Kinder ihre mBooks gegenseitig in Kleingruppen vor und auch hier organisierten die Kinder sich weitgehend selbst, erklärten ihr Vorgehen, präsentierten ihre Ergebnisse und bekamen direktes Peer-Feedback.

Ich beschreibe dieses Projekt nicht, um hervorzuheben, dass mir mal ein Unterrichtsprojekt gelungen ist, sondern um ein konkretes Beispiel zu zeigen, wie man gegenwärtige Technologie nutzen kann, um schulische Lernprozesse zu verbessern.

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2 Antworten zu Kinder machen mBooks – ein Tablet-Projekt mit Flow-Effekt

  1. Hat dies auf Fortbildungsinfo rebloggt und kommentierte:
    Eine wunderbare Zusammenfassung der Dinge, die man mit dem BookCreator machen, daher als Praxistipp hier nochmal! Danke!

    Gefällt mir

  2. Mareike Landeck schreibt:

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