„Ich will einen kleinen Beitrag leisten“ – ein Interview mit Ronald Hinrichs über seine ehrenamtliche Tätigkeit als Deutschlehrer für Flüchtlinge

Unter den flüchtenden Menschen, die derzeit nach Deutschland kommen, befinden sich auch viele Kinder und Jugendliche, die in so genannte Basis- und Vorbereitungsklassen kommen, um dort grundlegende Sprachkompetenzen zu erwerben. Aber auch nach ihrem Übergang in die Regelklassen stellen die sprachlichen Defizite, neben der psychischen Traumatisierung, eine große Hürde im (schulischen) Alltag dar. In diesem Interview berichtet mein Freund und Kollege Ronald Hinrichs über seine ehrenamtliche Tätigkeit als Deutschlehrer für Flüchtlinge an der Stadtteilschule Am Heidberg.

Lieber Ronald, du bist pensionierter Lehrer und hast dich entschieden, ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge zu geben. Wie genau sieht deine neue Tätigkeit aus?

Ich begleite 2-3 Schüler in einigen Unterrichtsstunden, helfe ihnen Aufgaben zu verstehen und bespreche mit ihnen Lösungswege. Außerdem flechte ich dabei Übungen zum Wortschatz und zur Grammatik ein, weil sie nach nur einem Jahr Besuch einer „Vorbereitungsklasse“ natürlich immer noch große Sprachschwierigkeiten haben, sowohl aktiv als auch passiv. Dazu benutze ich bei einem der Schüler gelegentlich auch dessen „Lernzeit“.

Kindern aus Krisengebieten Deutsch beizubringen ist eine große Herausforderung. Du machst das unentgeltlich in deiner Freizeit. Was ist deine Motivation?

Ich bin überzeugt davon, dass nur eine breit angelegte Bildungs- und Ausbildungsoffensive in der Lage ist, dieser riesigen Herausforderung zu begegnen und auch die mit der Zuwanderung verbundenen Potenziale überhaupt nutzbar zu machen. Dazu will ich einen kleinen Beitrag leisten. Ich fahre zweimal wöchentlich für insgesamt 4-6 Stunden in die Schule, der Aufwand ist also nicht so hoch. Zudem habe ich es mit selbstbestimmten Aufgaben und einem höchst angenehmen Arbeitsklima zu tun, und außerdem betrachte ich das Ganze als eine Art nachgeholtes freiwilliges soziales Jahr.

Was war dein schönster Moment bisher?

Das sind im Grunde alles schöne Momente, weil in dieser – für einen Lehrer geradezu luxuriösen – Kleingruppensituation intensive Kommunikation und unmittelbare Lernprozesse stattfinden.

Welche Schwierigkeiten erlebst du in deiner Arbeit mit den Jugendlichen?

Ich erlebe Jugendliche im 9. Jahrgang, die wissbegierig und darauf orientiert sind, den bestmöglichen Schulabschluss zu machen. Störungen entstehen in erster Linie durch Sprach- und Verstehensschwierigkeiten und in zweiter durch Unsicherheiten, die mit ihrer noch sehr fragilen Lage hier zu tun haben: mit ihrer zum Teil dramatischen familiären Situation oder ihrer jeweiligen Einbindung in den Klassenverband oder Freundschaftsgruppen. Übergroße Schüchternheit, ständige Kaspereien, Schwänzen oder übertriebenes Renommiergehabe sind da nur verschiedene Spielarten desselben zugrundeliegenden Problems.

Welches Material nutzt du?

Abgespecktes, reguläres Unterrichtsmaterial, aber auch zusätzliches Material, selbst gefertigt oder aus verstreuten Quellen vor allem im Internet. Wesentlicher aber sind aus meiner Sicht wirkliche Gespräche, die den Schülern Raum lassen, sich mitzuteilen und Fragen zu stellen, aber auch zu erzählen, Geschichten zu erfinden, Fragestellungen zu entwerfen, Dinge zu erklären, usw. Dazu reichen dann auch alltägliche Gegenstände, Stichwörter oder Bilder.

Welche Hilfsangebote wären sinnvoll, um ehrenamtliche DaZ-Lehrer in ihrer Arbeit zu unterstützen? Kennst du konkrete Beispiele?

Hab noch keinen richtigen Überblick, aber eine wirklich brauchbare, gebündelte Materialsammlung, vielleicht auf einer Internetplattform, wäre schon schön. Ich denke ja auch, dass diese Situation eigentlich ein entscheidender Impuls für digitale Formen des Lernens sein könnte. Vielleicht über Lern-Apps, weil ja jeder dieser Jugendlichen über ein Smartphone verfügt und zumindest über die Schule ja auch einen Zugang zum Internet hat. Dieses ganze Feld ist, glaube ich, noch lange nicht ausgereizt. Sinnvoll wäre vielleicht auch eine brauchbare Beschreibung von vernünftigen Mindeststandards für diese Gruppe, sowohl in Bezug auf allgemeine als auch auf Fachkompetenzen und auch in Bezug auf Jahrgangs- bzw. Schulabschlüsse. Was ist notwendig, und was wird für diese Menschen in der nächsten Zukunft wirklich wichtig sein? Und natürlich damit verbunden: auch für unsere Gesellschaft!

Vielen Dank für das Interview!

***

Ronald Hinrichs

Ronald Hinrichs

1951 geboren, in Niedersachsen und Bremerhaven zur Schule gegangen. Lehramtsstudium (Germanistik und Anglistik) an der TU Braunschweig. Seit 1978 im Schuldienst, zunächst in Stade und Buxtehude, dann Gesamt- und Stadtteilschullehrer in Hamburg Winterhude und Langenhorn. Dazwischen verschiedenste journalistische Tätigkeiten und Mitarbeit an einer Ausstellung in Berlin. Seit 2014 im Ruhestand und vorwiegend mit musikalischen Aktivitäten beschäftigt.

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2 Antworten zu „Ich will einen kleinen Beitrag leisten“ – ein Interview mit Ronald Hinrichs über seine ehrenamtliche Tätigkeit als Deutschlehrer für Flüchtlinge

  1. karlkirst schreibt:

    Eine Materialsammlung für den Deutschunterricht mit Flüchtlingen entsteht auf zum-willkommen.de:

    http://wikis.zum.de/willkommen/Materialien

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  2. Mareike Landeck schreibt:

    Hat dies auf Anna goes online rebloggt.

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