„Gemeinsam über das Lernen ins Gespräch kommen“ – ein Interview mit Sebastian Waack, Geschäftsführer von Edkimo, über Feedback in der Schule

Feedback wird an Schulen immer noch zu selten als Instrument zur Unterrichts- und Schulentwicklung eingesetzt. Das Bildungs-Startup Edkimo möchte das ändern. Im Interview erklärt Sebastian Waack, Ideengeber und Geschäftsführer von Edkimo, warum alle schulischen Beteiligten von einer guten Feedback-Kultur profitieren können.

Lieber Sebastian, du bist Mitgründer des Startups Edkimo. Wer seid ihr, was macht ihr, was ist eure Motivation und an wen richtet sich euer Angebot?

Edkimo ist ein Bildungsstartup mit viel Erfahrung im Schulbereich. Wir unterstützen Lehrende und Lernende dabei, ohne viel Aufwand Feedback in den Lernprozess zu integrieren. Dafür haben wir eine Feedback-App entwickelt, die im Schulalltag funktioniert und bei Lehrern und Schülern gut ankommt.

Euer Service kostet Geld im Gegensatz zu anderen Umfrage-Diensten. Warum?

Wir setzen bei unserer Feedback-App auf “Privacy by Design”. Datenschutz und Datensparsamkeit genießen bei uns höchste Priorität. Wir folgen ausdrücklich nicht dem Big-Data-Versprechen anderer Internet-Startups. Weniger Fragen, richtig gestellt, bringen im Schulalltag viel mehr. Deshalb setzen wir auch nicht auf Werbefinanzierung sondern auf das klassische Dienstleistungsmodell: Wir bieten unseren Schulkunden einen Service, einen Mehrwert, eine echte Zeitersparnis. Die Schule bezahlt uns dafür einen Jahresbetrag von einem Euro pro Schüler. Unsere bisherigen Kunden sind damit sehr zufrieden. Darüberhinaus bieten wir für einzelne Lehrpersonen einen kostenfreien Lehreraccount pro Schule an, um den Veränderungsprozess auch von unten in die Schulen hineinzutragen.

Wie läuft’s bisher? Gibt es Dinge, die dich überrascht haben?

Wir stehen nach der Entwicklung am Gamification Lab der Leuphana Universität Lüneburg seit einigen Monaten auf eigenen Beinen und haben die Edkimo GmbH gegründet. Mittlerweile nutzen rund ein Dutzend Schulen sowie der Bayerische Volkshochschulverband e.V. die Edkimo-App für Feedback im Lernprozess. Außerdem testen fast 100 Lehrpersonen an ihren Schulen die App im eigenen Unterricht. So erhalten wir wertvolle Tipps zur praxisnahen Weiterentwicklung.

Einige Dinge haben mich in der Tat überrascht. Bei den Schülerrückmeldungen fiel auf, wie positiv Feedback ausfällt, wenn eine Lehrperson sich erst einmal darauf einlässt, eine Klasse zu befragen. Hier mussten wir sogar die automatische Auswertung anpassen, damit die Lehrer nicht nur positive Rückmeldung bekommen, sondern auch die kritischen Punkte auf den ersten Blick erkennbar sind.

Aus pädagogischer Sicht fand ich spannend, dass insbesondere Grundschulen an unserem Feedback-Tool interessiert sind und die App schon ab der zweiten Jahrgangsstufe einsetzen. Auch wenn wir uns mit Edkimo von Beginn an alle Schulformen richteten, hätte ich das so nicht erwartet.

Was sind Merkmale guten Feedbacks?

Gutes Feedback enthält lernrelevante Informationen und bezieht sich auf den Lernprozess, nicht auf die beteiligten Personen. Feedback ist etwas anderes als Bewertung. Noten oder Lob sind beispielsweise kein Feedback.

Wie könnte gutes Feedback an Schulen aussehen?

Drei Dinge sind zu beachten: Der Fokus richtet sich auf das Lernen, Feedback wirkt in beide Richtungen und: Wichtig ist das, was ankommt. Ich habe kürzlich beim Bildungs- und Schulleitungssymposium in Zug/Schweiz einen spannenden Vortrag des Bildungsforschers Andreas Helmke gehört. Er sagte darin: “Lehrer halten sich für wesentlich schweigsamer als sie eigentlich sind.” und zeigte dazu eine anschauliche Grafik mit den geschätzten und den gemessenen Redeanteilen im Unterricht. Die Botschaft war klar: Wir sollten als Lehrer viel weniger reden und besser zuhören. Ich denke, hierbei könnte Schülerfeedback ein sehr guter Ansatzpunkt sein. Gemeinsam über das Lernen ins Gespräch kommen, Schule gemeinsam verändern und gestalten.

helmke-2015Quelle: http://andreas-helmke.de/wordpress/wp-content/uploads/2015/09/Zug_04.09.15_PDF.pdf

Lehrer haben ja viel um die Ohren. Jetzt also auch noch Feedback von Schülern einholen. Mal ehrlich: Lohnt sich der Aufwand?

Als Lehrer ist für mich der Lernerfolg meiner Schülerinnen und Schüler eines der wichtigsten Ziele. Nun hat die Unterrichtsforschung seit langem gezeigt – von Hilbert Meyer über Andreas Helmke bis zur Hattie-Studie – dass sich Feedback positiv auf den Lernerfolg auswirkt. Insofern ist das fast ein Selbstläufer und langfristig eine enorme Arbeitserleichterung, wenn es mir gelingt, besser zu verstehen wie meine Schüler – und zwar diese Schüler, in dieser Klasse, in diesem Moment – am besten lernen. Nur so kann ich meinen Unterricht entsprechend anpassen.

Außerdem wird man als Lehrer auch zufriedener, denn die Schüler sagen mir ja auch, was schon gut läuft im Unterricht. Und letztlich ist Feedback auch eine Entlastung, denn eine schwierige Klasse ist beispielsweise sehr gut in der Lage selbst zu erkennen, wo die Probleme liegen. Plötzlich sitzen alle in einem Boot und gestalten gemeinsam besseren Unterricht.

Zu den Aufgaben einer Schulleitung gehört u.a. die Beurteilung des pädagogischen Personals. Sollte es deines Erachtens auch Aufgabe der SL sein, sich regelmäßig strukturiertes Feedback vom Kollegium einzuholen? Falls ja, warum und bezogen auf was?

Ich schlage vor, Beurteilung und Feedback deutlich voneinander abzugrenzen: Beurteilung ist ergebnisorientiert und bewertend, Feedback ist prozessorientiert und beschreibend. Beurteilung verstärkt Hierarchien, Feedback durchbricht sie. Beurteilung sagt mir, wo ich stehe, Feedback gibt mir Hinweise, wie ich besser werden kann.

Die Frage des Schulleitungsfeedbacks würde ich deshalb von der Beurteilung losgelöst betrachten. Ich schlage vor, diesen Prozess analog zum Schülerfeedback anzugehen. So wie sich beispielsweise Lehrpersonen Feedback von den Schülern einholen zum Thema „So lerne ich am besten“, kann sich die Schulleitung vom Kollegium Rückmeldung geben lassen zum Thema „So lehre und lerne ich (als Lehrperson) am besten“.

Wie schätzt du das Potential von Lehrer-Lehrer-Feedback z.B. im Rahmen von kollegialen Hospitationen ein?

Hier liegt genau wie beim Schülerfeedback ein riesiges Potential, das bislang noch zu wenig genutzt wird. Die Schulen sollten dafür Zeiten, Räume und Strukturen zur Verfügung stellen.

Wie geht’s weiter mit Edkimo? Welche Pläne habt ihr?

Im nächsten Jahr wollen wir Markführer in Deutschland werden und die Internationalisierung vorantreiben. Dazu werden wir im Frühjahr 2016 auch eine englischsprachige Version der Edkimo-App anbieten.

Beschreibe bitte deine Vision einer guten Schule.

Eine Schule, auf die ich gerne gehe und wo ich viel lernen kann. Die mir Freiraum bietet und Schutz, um mich zu entfalten. Ein Experimentierfeld für Ideen. Ein Ort an dem nicht der Stoff, sondern Lernen und Menschen im Mittelpunkt stehen. Und mit viel Offenheit zur Welt da draußen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 ***

Sebastian Waack und Jessica Zeller

Sebastian Waack und Jessica Zeller vom Edkimo-Gründerteam

 

Sebastian Waack ist Ideengeber und Geschäftsführer von Edkimo. Er war zuvor selbst als Lehrer tätig. Als Bildungsforscher und Schulberater hat er Schulen und Lehrkräfte bei der Umsetzung von Schülerfeedback-Prozessen begleitet. Er betreibt ein Informationsportal zur Hattie-Studie.

Jessica Zeller ist Mitgründerin von Edkimo, Medienpädagogin und Journalistin. Bei Edkimo verantwortet Sie die Öffentlichkeitsarbeit und Kundenbetreuung. Zuvor arbeitete Sie im Schulnetzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ sowie als Journalistin für den Kinderfunk von Deutschlandradio Kultur.

Kontakt: 
Edkimo Feedback-App
Sebastian Waack
Telefon: 04131-2270021

 

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