Lehrer als Lernarchitekten – ein Interview mit Dr. Angela Thiele

Im Rahmen der Schulbau Messe Hamburg stellte Angela Thiele, Schulleiterin der Grundschule am Koppenplatz in Berlin, ihre Schule und das Konzept der elementaren Lernarchitektur vor. Im folgenden Interview teilt sie ihre Gedanken zum Lernen und welche Rolle digitale Medien dabei spielen können.

Liebe Frau Thiele, was macht eine Schule zu einer guten Schule?

Der Begriff einer guten Schule ist stets abhängig vom Betrachter selbst. Wie beschreiben ihn die dort pädagogisch Tätigen wie Lehrpersonen und Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagogen, externe Experten? Welche Vorstellungen haben Eltern an ihre Wunschschule? Am Entscheidendsten ist jedoch die Perspektive der Schülerinnen und Schüler.

Fragen wir uns nach wesentlichen Merkmalen, die in möglichst großer Übereinstimmung mit allen Gruppierungen stehen, so können wir folgendermaßen formulieren:

Ist die Schule so konzipiert und organisiert, dass

  • jede Schülerin und jeder Schüler mit Freude und Erfolg lernen kann?
  • jeder pädagogisch Tätige Veränderungen erfolgreich begegnen kann?
  • alle Eltern Unterstützung finden?
  • Konflikte in der gemeinsamen Arbeit als eine Chance zur Veränderung wahrgenommen werden?

Betrachten wir nun die unterschiedlichen Perspektiven aller daran Mitwirkenden so wird deutlich, dass Schule einen komplexen Raum darstellt, der die individuelle Teilhabe eines jeden umfasst. Damit sie für alle eine gute Schule ist, wird eine komplexe und zugleich flexible Konstruktion benötigt, deren Architektur ausgerichtet ist auf die Prozesse des Lernens vor allem auf die Lernenden selbst.

Wie muss eine „Architektur“ aussehen, die auf die Prozesse des Lernens und auf die Lernenden ausgerichtet ist?

Die Denk-Matrix, in denen sich die Schülerinnen und Schüler bewegen, bedarf der Freiheit bezüglich Lernwegen und Lerntempo, Methoden Strategien etc.

In bisher noch häufig anzutreffenden linearen Unterrichtsplanungen werden die Denk- und Lernwege sowie die entsprechenden Aktivitäten von Lehrenden vorgegeben. Sie differenzieren, indem sie entsprechend des Lernstandes ihren Schülerinnen und Schülern Materialien zuweisen, die wiederum in ihrem Denk- und Handlungsweg, also von Erwachsenen (Lehrpersonen selbst oder Schulbuchautoren, o.ä.) geprägt sind. Wir sehen am deutlichsten bei begabten und vor allem hochbegabten Lernern, dass Schülerinnen und Schüler auch ganz andere Zugänge haben können, die vor allem in Arbeitsblättern mit den Tätigkeiten des Lückenfüllens oder auch in Lernkarteien mit besonderen Übungsformaten nicht abgebildet werden können. Andersdenkende verabschieden sich aus derartigen Lernumfeldern.

Unterricht und Schule muss sich neu ausrichten. Wir benötigen Lernräume mit einer anderen Struktur, die in ihren Dimensionen die Vielfältigkeit der in diesem Raum Lernenden und Lehrenden abbilden kann.

Was genau verstehen Sie unter „Dimensionen des Raumes“ in Bezug auf das Lernen?

In der Mathematik steht der Begriff Dimension für die Anzahl der Freiheitsgrade in einem mathematischen Raum. Ausgehend von dieser Definition entwickelte sich bei mir die Vorstellung eines Lernraumes, der die Struktur des Themenbereiches enthält, der erlernt, erfahren und gestaltet werden soll. Dazu kommen die Schülerinnen und Schüler sowie die pädagogisch Tätigen mit ihren persönlichen Informationen, ihrem individuellen Wissen und ihren Kompetenzen, die diesen Raum prägen und stets neu erschaffen.

Was ist ein Lernarchitekt?

Der Lernarchitekt erschafft Lernräume. Er legt das Fundament des Raumes, stellt Säulen auf, baut die tragenden Wände ein, errichtet Stützpfeiler und prüft die Stabilität. Er erschafft einen „Selbstlernraum“. Gemeinsam mit den Lernenden gestaltet er diesen Raum und nutzt dabei die Konzeption der Lernarchitektur.

Was ist „Uvo“ und wie nutzen Sie es an Ihrer Schule?

Unterrichtsvorbereitung online – kurz Uvo – ist das Instrument des Lernarchitekten. Mit diesem Tool kann er online im virtuellen Raum planen, d.h. Lernarchitekturen sind nicht mehr von gleichzeitiger und räumlicher Gemeinschaft abhängig. Sie lösen die raumzeitliche Bindung und Abhängigkeit auf und ermöglichen dadurch in der Komplexität der Lernräume Freiräume.

Es ist erreichbar unter uvo-online.de und kostenlos nutzbar.

Wie und wofür nutzen Sie digitale Medien noch an Ihrer Schule?

An der Grundschule am Koppenplatz nutzen Lehrerinnen und Lehrer interaktive Whiteboards im Unterricht, digitale Kameras, die Ergebnissen aus Lernheften für alle am Whiteboard sichtbar machen sowie ein Tablet zur Nutzung des elektronischen Klassenbuches.

Für die Unterrichtsplanung nutzen sie das Tool Uvo.

Schülerinnen und Schüler nutzen Laptops, Computer, interaktive Whiteboards und digitale Kameras zur Gestaltung ihrer Lernprodukte. So erstellen Sie Interviews, Videos und programmieren bereits ab der 2. Klasse.

Im Internet recherchieren Sie nach Informationen, nutzen Plattformen zum Lernen, skypen mit Schülerinnen und Schülern von Schulen in anderen Ländern, mit denen Sie gemeinsame Projekte durchführen.

Was antworten Sie kritischen Stimmen, die das Lernen mit digitalen Medien in der Grundschule konsequent ablehnen?

Elektronische Medien gehören mittlerweile zum Alltag in unserer Gesellschaft. Ich halte es für notwendig, dass unsere Schülerinnen und Schülern lernen, mit diesen sinnvoll und verantwortungsvoll umzugehen. Das sehe ich als eine notwendige zeitgemäße Aufgabe von Schule an. Dazu gehört auch, ihnen zu zeigen, welche Möglichkeiten der aktiven Nutzung es gibt, wie das Gestalten und auch das Programmieren.

Wenn dies gelingt, haben wir zumindest eine größere Chance, Missbrauch auf den unterschiedlichsten Ebenen zu reduzieren.

Für den Erwerb von Medienkompetenz und zur Sicherheit im Umgang mit Medien bieten wir unseren Schülerinnen und Schülern dazu entsprechende Inhalte an. Ebenso veranstalten wir Elternabende zu diesem Thema.

Was muss eine Lehrkraft im Jahr 2016 Ihrer Meinung nach können?

Sie benötigt ein anderes Bewusstsein für Lehren und Lernen sowie für die Prozesse der Organisation. Grundlegend ist der Wahrnehmungswechsel bei der Betrachtung der Fähigkeiten, Fertigkeiten, Leistung und ähnlicher Begriffe. Sie muss in der Lage sein, Potentiale ihrer Schülerinnen und Schüler zu erkennen und deren Entfaltung zu ermöglichen.

Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren und die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass sie selbst ein Teil dieses komplexen Lernraumes sind.

Was muss ein Schüler / eine Schülerin im Jahr 2016 Ihrer Meinung nach in der Schule lernen?

Schülerinnen und Schüler sollten den Umgang mit Informationen und Wissen lernen und erfahren, wie sie mit ihren persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten Kompetenzen aufbauen, die ihnen eine Teilhabe an der Welt von heute ermöglichen und ihnen eine aktive Mitgestaltung an unserer gemeinsamen Zukunft sichern. Dazu gehört Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen.

Als unbedingte Voraussetzung dazu sehe ich die gegenseitige Wertschätzung.

Wenn Sie einen Wunsch bezogen auf die Schule frei hätten – welcher wäre das?

Legen wir den Fokus der Betrachtung von Schule mehr auf die darin Lernenden und Lehrenden. Welche Bedingungen benötigen Schülerinnen und Schüler, um sich erfolgreich zu entwickeln? Wie können Lehrerinnen und Lehrer den Veränderungen erfolgreich begegnen? Das betrifft räumliche und zeitliche sowie inhaltlich-konzeptionelle Aspekte.

Trauen wir unseren Kindern mehr zu! Trauen wir ihnen zu, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen und selbstbestimmt ihr Leben zu meistern.

Vielen Dank für das Interview!

***

Dr. Angela Thiele

Dr. Angela Thiele

Angela Thiele baut zur Zeit in Berlin als Schulleiterin eine Schule auf, in der Schülerinnen und Schüler mit Erfolg und Freude für die Zukunft lernen können. Bisher arbeitete sie als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen und Berlin, als Lehrerfortbildnerin am Landesinstitut Berlin (LISUM) und als Lehrbeauftragte an der Freien Universität Berlin. Darüber hinaus sammelte sie viele Erfahrungen in freien Lerngruppen u. a. mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen.

Sie ist Herausgeberin einer Lernumwelt online, Schulbuchautorin und nahm an bundesweiter Gremienarbeit zur Rahmenlehrplanentwicklung und Qualitätssicherung teil.

Sie entwickelte das Konzept zur Gestaltung von Lernarchitekturen, das sowohl die Individualität – einschließlich der Vielfalt der Potentiale der Schülerinnen und Schüler – als auch die Komplexität des Unterrichts, die Vielfalt von Methoden und Strategien, den Einsatz von digitalen Medien berücksichtigt.

Im Rahmen ihrer Promotion (2001) entwickelte sie ein Qualifizierungsmodell für Lehrende, aus dem ein interaktives Planungstool zur Unterrichtsvorbereitung entstand, mit dem Lerneinheiten als Lernarchitektur effektiv, professionell und auch in der weltweiten Vernetzung geplant und realisiert werden können.

Mit dieser Plattform wendet sie sich an Lehrerinnen und Lehrer, die sich auf den Weg gemacht haben, zeitgemäß und erfolgreich zu unterrichten. Es lädt Lehrende ein, neben der Rolle als Lerncoach auch Funktionen eines Lernarchitekten auszuüben.

Angela Thiele hat das Planungstool auf unterschiedlichen Ebenen von Theorie und Praxis erprobt und erfolgreich in Schulen eingesetzt. Die Nutzung des interaktiven Tools ermöglicht dem Lehrenden dabei eine effektive und professionelle Unterrichtsvorbereitung.

Kontakt: a.thiele@elementarelernarchitektur.de

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