Kreative Webseiten-Projekte – ein Praxisbericht

Im letzten Schuljahr habe ich verschiedene komplexe Unterrichtsprojekte mit meinen Schülerinnen und Schülern (SuS) umgesetzt. Eines davon möchte ich hier kurz vorstellen.

Die Rahmenbedingungen

Die Lerngruppe bestand aus 29 SuS der Jahrgangsstufe 12 (an Stadtteilschulen das vorletzte Schuljahr), die ich im Fach Englisch auf erhöhtem Niveau unterrichtete.

Das Thema im zweiten Semester war „Culture Wars – Tearing Apart the US“. Inhaltlicher Schwerpunkt war die gegenwärtige Zerrissenheit der Vereinigten Staaten, welche sich in vielfältigen politischen Konfliktfeldern zeigt. Die Textsorte „Political Speech“ stand in diesem Halbjahr im Mittelpunkt.

Zu Beginn des Semester lag der Fokus auf dem Kennenlernen, Analysieren und Interpretieren der großen politisch-ideologischen Strömungen in den USA, namentlich der Konservativen organisiert in der Partei der Republikaner und der Liberalen zusammengeschlossen in der demokratischen Partei. Einen zusätzlicher Schwerpunkt bildete die Betrachtung der extremen Konservativen, die in der Tea Party Bewegung ihr Sammelbecken finden sowie der „Neuen Jungen Linke“, die sich um Bernie Sanders  gebildet hat.

Die politischen Kontroversen wurden an konkreten Streitthemen exemplarisch bearbeitet, also z.B. Big Government vs. Small Government, „Obamacare“, Gun Violence, Immigration, Birth Control, Abortion, LGBT Rights etc.

In diesem Kontext haben wir verschiedene politische Akteure (z.B. Obama, H. Clinton, Sanders, Trump, LaPierre) kennengelernt und deren politische Ideen sowie die Darstellung derselben in öffentlichen Reden analysiert. Hilfreich war, dass im Frühjahr die „Primaries“ durchgeführt wurden und wir auf aktuelles Material (vornehmlich über YouTube) zurückgreifen konnten. Im Anschluss an diese Analysen haben die SuS eigene politische Reden verfasst, bevor sie im zweiten Teil des Semesters an ihren Projekten gearbeitet haben.

Projektidee

Es gibt vier zentrale Elemente in diesem Projekt: die Erfindung eines Politikers als Unterrichtsgegenstand, die eigene Webseite als Medium, den Klassenraum als Coworking Space¹ und die Unterrichtszeit als Projektarbeitszeit.

Die SuS arbeiten im kleinen Team und sind Ideengeber, Erfinder, Biograf, Texter, Web-Designer, Politikberater und machen am Ende eine Produktpräsentation.

Der Lehrer ist Rahmensetzer, Unterstützer, Berater, Lerner und – das bleibt nicht aus – Bewerter.

Folgenden Arbeitsauftrag habe ich den SuS gegeben:

  • Imagine you are working in a PR firm that is specialized in political consulting. Your team has got the job to create a website for a politician who represents a particular social group and/or fights for „minority rights“ (e.g. Afro-Americans, LGBT issues, Hispanic community, …).
  • Create a fictional character; think about name, age, ethnic background, biography, education, political career, etc.
  • Discuss political ideas, initiatives, projects, memberships, …
  • Think about the structure, content, integrated media, layout and design of the website.
  • Set up a website (e.g. wordpress.com, wix.com).
  • Prepare a presentation of your website.

Ablauf

Nachdem ich die Aufgabenstellung erläutert habe und Nachfragen geklärt wurden, haben wir gemeinsam einige Webseiten bekannter Politiker als Best-Practice Beispiele angeschaut.

In der gleichen Stunde haben die SuS sich in Kleingruppen zusammengefunden und mit der Ideenfindung begonnen. Zum Ende der folgenden Woche sollte ein erstes Konzept mit Exposé und Zeitplan stehen.

Für die Umsetzung des Projekts hatten die SuS insgesamt 4 Wochen Zeit (16 Unterrichtsstunden). Danach wurden die Webseiten² in Form eines Pitch präsentiert. Die SuS sollten sich vorstellen, dass sie ihre Webseite direkt dem betreffenden Politiker und seinen Mitarbeitern vorstellen. Die eigentliche Aufgabe lag also nicht in der Präsentation der Inhalte, sondern in der Begründung, warum genau diese Webseite mit diesen Inhalten, Bildern, Zitaten etc. in genau diesem Layout und dieser Struktur optimal für die Außendarstellung des Politikers im Kontext seines Wahlkreises, seiner Zielgruppe und seiner Unterstützer ist.

Die SuS arbeiteten durchgängig im privaten Modus, so dass die Webseite nur von dem eigenen Team eingesehen werden konnte. Für die Präsentation stellten sie die Webseiten-Einstellung dann auf öffentlich.³

Am Ende dieses Unterrichtsprojekts haben die SuS mithilfe der Edkimo App Feedback gegeben.

Schüler beim Erstellen einer Webseite

Schüler beim Erstellen einer Webseite

Merkmale und Learnings des Unterrichtsprojekts

Das Projekt zeichnete sich durch Kollaboration, analog und digital, sowie ein hohes Maß an kreativer und (selbst-)organisatorischer Freiheit aus. Zudem mussten die SuS sich kritisch mit politischen Debatten in den USA auseinandersetzen, um eine glaubwürdige Figur zu entwickeln.

Der Projektcharakter ermöglichte den SuS ein anderes schulisches Arbeiten als sie es oftmals (leider vor allem in der Oberstufe, wo die Priorität nicht selten darauf liegt, dass der „Stoff für die nächste Klausur durchgenommen werden muss“) gewohnt sind.

Die Produktorientierung ermöglichte eine klare Zielorientierung sowie eine sinnvolle Arbeitsteilung und förderte Skills wie Zeitmanagement, Teamwork und Selbstorganisation.

Durch die eigene Schwerpunktsetzung und die Offenheit bzgl. der Ergebnisse war individualisiertes Arbeiten möglich bzw. nicht nicht möglich.

Nebenbei lernten die SuS, wie man eine ansprechende Webseite (technisch, inhaltlich, sprachlich, strukturell sowie hinsichtlich des Layouts) gestaltet, welche urheberrechtlichen Dinge es zu beachten gilt und wie man das alles auf Englisch recherchiert, bespricht, aufschreibt und präsentiert.

Fazit

Das gesamte Projekt war geprägt durch eine hohe Motivation der SuS, hervorgerufen durch das offene und kreative Aufgabenformat sowie durch selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Lernen/Arbeiten, aber auch durch das Medium Webseite sowie die selbstverständliche Arbeit mit dem Computer (ich habe den PC-Raum für 4 Wochen reserviert), Smartphones und dem Internet.

Ich sehe den Einsatz der Geräte, die Benutzung des Netzes und die Vorgabe des Mediums Webseite nicht als „Lebensweltbezug“, sondern als Form zeitgemäßen Arbeitens.

Überrascht haben mich die durchweg guten bis sehr guten Produkte und Präsentationen, was unter Umständen auch mit der Tatsache korrelieren könnte, dass die SuS (vielleicht nicht durchgängig, aber doch immer mal wieder beobachtbar) Spaß hatten.

Ich denke, dass sich diese Form des kreativen Arbeitens mit Webseiten oder Blogs auf viele andere Unterrichtsszenarien/Fächer übertragen lässt. Ich selbst habe z.B. im Literaturunterricht sehr gute Erfahrungen mit dem Erstellen von Blogs gemacht und würde jeden Lehrer/jede Lehrerin ermutigen, sich auf diese Form des unterrichtlichen Arbeitens einzulassen – es lohnt sich.


¹ Coworking Spaces stehen für eine neue Arbeitswelt, die geprägt ist durch Vernetzung, Offenheit, flachen Hierarchien, Interdisziplinarität, Produktorientierung, Projektcharakter und Kreativität (um die positiven Seiten zu benennen); Aspekte, die ich versuche auf meinen Unterricht zu übertragen, da sie das Lernen unterstützen können.

² Es empfiehlt sich, einen Reiter „About this Website“ einfügen zu lassen, unter dem darauf hingewiesen wird, dass es sich bei der Webseite um ein schulisches Projekt handelt und sowohl die vorgestellte Person als auch deren Biografie und Aktivitäten fiktional sind. Ggf. sollte auch ein Impressum angelegt werden.

³ Da ich diesen Blogpost in den Sommerferien schreibe und versäumt habe, die SuS im Vorfeld zu fragen, habe ich keine Schülerarbeiten verlinkt. Dies werde ich ggf. nachholen.

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2 Antworten zu Kreative Webseiten-Projekte – ein Praxisbericht

  1. ibieler schreibt:

    Hat dies auf teaching knowledge and creativity rebloggt und kommentierte:
    Super Idee!

    Gefällt mir

  2. Pingback: Kreative Webseiten-Projekte – ein Praxisbericht | teaching knowledge and creativity | Mein Blog

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