Ich würde die Abschlussprüfungen ändern – ein Interview mit Jöran Muuß-Merholz

Ausgehend vom Schwerpunktthema der diesjährigen KMK-Präsidentschaft „Bildung in der digitalen Welt“ habe ich dem Hamburger Diplom-Pädagogen und Agenturinhaber Jöran Muuß-Merholz einige Fragen gestellt. Ich wollte von ihm z.B. wissen, was seiner Meinung nach eine gute Schule im Jahr 2016 auszeichnet, was „digitale Bildung“ bedeutet und wie man das Engagement großer Stiftungen und Unternehmen in diesem Bereich beurteilen kann.

Lieber Jöran, an welches positive unterrichtsbezogene Erlebnis aus deiner eigenen Schulzeit kannst du dich noch gut erinnern und warum?

Die Interpretation von Brechts Jasager. Das muss so in der 7. Klasse gewesen sein. Bei einem Deutschlehrer, der kurz danach die Schule verlassen musste. Ich fand die Idee einer Schuloper großartig. Außerdem lernte ich bei diesem Deutschlehrer etwas, was ich vorher in der Schule genau umgekehrt erfahren hatte: Es gibt ganz unterschiedliche Antworten auf eine Lehrerfrage – und alle können richtig sein! Beim Jasager kann man ja ganz verschiedene Interpretationsansätze wählen. Und unser Deutschlehrer ermutigte uns, unseren eigenen Spuren zu folgen. Umgekehrt weiß ich noch genau, dass ich ein paar Jahre später in Englisch sehr frustriert war, dass meine Interpretation von Supertramps Logical Song als „falsch!“ bewertet wurde.

Du hast – auch im Rahmen des Deutschen Schulpreises – viele Schulen kennengelernt. Was zeichnet aus deiner Sicht eine gute Schule aus?

Ich finde es gar nicht so einfach, einen gemeinsamen Nenner zu definieren. Ich habe gelernt, dass Schulen auf ganz unterschiedlichen Weise „gut“ sein können. Und dass sie dafür ganz unterschiedliche Wege gegangen sind. Sie haben alle gemeinsam, dass sie entschlossen und professionell und kontinuierlich Schulentwicklung betrieben haben. Mir scheint es übrigens so, als wäre der Ausgangspunkt von großen Umbrüchen bei vielen Schulen eine Krise, also eine (meist negative) Ausnahmesituation. Es gibt bei den Deutschen Schulpreis-Schulen viele Geschichten, die mit einem „Damals wurde klar, dass es so nicht weitergeht …“ beginnen.

Wenn du dir eine eigene Schule basteln könntest: wie sähe diese aus?

Ich wäre sicher nicht der richtige, um eine Schule zu basteln. Aber: Ich mag Beispiele aus Schulen, in denen das Lernen einen sehr ernsthaften Charakter hat und nicht nur „ein Spiel“ ist. Mit dem „Spiel“ meine ich, dass Lernen häufig so organisiert ist, dass es klare Spielregeln gibt. Erfolgreich im Sinne des Spieles ist man, wenn man die Spielregeln gut kennt und den Umgang damit beherrscht. „Erfolg“ meint: gute Noten, keine Probleme mit dem System, Versetzungen, Abschlüsse. Dabei hat das Lernen oft keine Auswirkungen auf das Leben außerhalb dieses Spiels.

Der Rahmen wird wichtiger als der Inhalt, dem der Rahmen dienen sollte. Häufig geht es nur noch um den Rahmen. Ich kann eine gute Note bekommen, ohne dass das Gelernte irgendwelche Auswirkungen auf mein Leben hat. Mit „ernsthaftem“ Charakter des Lernens meine ich Settings, in denen meine „Lernergebnisse“ eine echte Auswirkung jenseits der Schule haben. Auf mich als Person oder auf den Rest der Welt.

Das Thema „Digitale Bildung“ scheint 2016 in der Mainstream-Debatte der großen Bildungsakteure angekommen zu sein. Was heißt „Digitale Bildung“ überhaupt und warum ist das ein Thema mit dem sich Pädagoginnen und Pädagogen, Schulleitungen und Schulbehörden befassen sollten?

„Digitale Bildung“ ist als Begriff natürlich extrem unscharf. Das liegt in der Natur der Sache, denn die Digitalisierung zieht sich ja durch alle Bereiche hindurch. Solange man diesen unscharfen, großen, grundsätzlichen Wandel meint, kann man als unscharfen Begriff auch „digitale Bildung“ sagen, finde ich. Aber sobald es ein Stück weit differenzierter wird, muss man halt jedes Mal gucken, was eigentlich genau gemeint ist.

Ein unterschätzter Aspekt ist meiner Erfahrung nach die digitale Transformation des Alten. Es ist eben nicht so, wie ich gerade in Schulen sehr häufig höre, dass digitale Medien „einfach nur ein neues Werkzeug“ sind. Lehrende sagen häufig: „Ich entscheide meinen Zielen entsprechend, wofür ich welches Medium wähle. Wir haben ja auch mit dem Aufkommen des OH-Projektors nicht immer und überall den OH-Projektor eingesetzt.“ Und auch sehr gängig: „Mir ist wichtig, dass die Schüler weiterhin die alten Medien nutzen, Landkarten und Bücher, den Zirkel und das Wörterbuch, die Handschrift und den Brief.“ Es stimmt sicherlich, dass man die Eigenschaften dieser „alten Medien“ an ihren alten Formen gut kennenlernen kann. Aber häufig wird ignoriert, dass es nicht ein einfaches Nebeneinander von neuen Medien und alten Medien gibt. Die Digitalisierung ist kein Add-On, sondern sie transformiert alles Alte! Landkarten funktionieren mit der Digitalisierung anders. Bücher funktionieren mit der Digitalisierung anders. Auch Zirkel und Wörterbuch gibt es in digitaler Form – aber mit erweiterten Eigenschaften. Und natürlich werden auch Handschrift und Briefe transformiert. Erst durch ihren transformativen Charakter wird die Digitalisierung so kuddelmuddelig und anstrengend und spannend.

Sandra Schön vergleicht die Digitalisierung mit Pippi Langstrumpf: Eine freche Göre steht plötzlich vor der Tür und stellt alles in Frage.

Wie beurteilst du das Engagement von (unternehmensnahen) Stiftungen und Konzernen im Bildungsbereich, insbesondere im Bereich „digitale Bildung“?

Bei den Stiftungen sehe ich ein großes und ernsthaftes Interesse an der Frage, wie „digitale Bildung“ uns bei pädagogischen Fragen weiterbringt. Ich habe auch wenig Bedenken, dass böse unternehmensnahe Stiftungen zu großen Einfluss bekommen. Der Umkehrschluss würde ja lauten, dass 100 Prozent Staat das Gelbe vom Ei wäre. Das denke ich nicht. Es gibt auch selten so etwas wie eine „hidden agenda“. Die Ziele der Stiftungen kann man in der Regel sehr gut in ihren Grundsätzen und Programmbeschreibungen nachlesen.

Bei den Unternehmen ist das ganz unterschiedlich, soweit ich es kenne. Da geht es teilweise natürlich um Verkauf (worum auch sonst?). Teilweise auch um so etwas wie Nachwuchsförderung. Aber die Grenzen sind nicht eindeutig. Beispiel Coding. Bei Projekten, die jungen Menschen das Programmieren beibringen, treffen sich ganz unterschiedliche Welten und haben verwandte Ziele. Die IT-Unternehmen wollen die nächste Generation von Mitarbeitern vor-trainieren. Die reformerischen Medienpädagogen sehen in der Coding-Kompetenz ein Empowerment und einen modernen Ausgang des Menschen aus seiner digitalen Unmündigkeit. Und plötzlich stehen da Google und die Bundeszentrale für politische Bildung nebeneinander und fördern dieselbe Veranstaltung.

Du arbeitest ja viel zum Thema Open Educational Resources (OER). Warum ist dieser Prozess, OER in Deutschland salonfähig zu machen, so mühselig?

Ach, da würde ich gar nicht zustimmen. In der Bildungpolitik ist OER geradezu mit Lichtgeschwindigkeit auf die Agenda geschossen. Das meine ich nicht ironisch. 2012 war das Thema in Deutschland noch fast nirgends zu sehen. Vier Jahre später haben wir ein Förderprogramm beim BMBF, eine eigene Arbeitsgruppe und eine Stellungnahme der KMK sowie der HRK, Positionierungen von OECD und UNESCO. Die Stiftungen und Verbände greifen OER für ihre eigene Arbeit auf, die Verlage haben eine konstruktive Haltung entwickelt, es gibt Start-Ups und mit dem Bündnis freie Bildung sogar einen Lobbyverband für OER. Wir haben mit dem OER-Award einen großen Wettbewerb und mit OER-Konferenzen, OERcamps, OER-Festival etc. jede Menge Treffen für die Community.

Eigentlich wird es erst jetzt richtig spannend. Wird nach den Multiplikatoren auch die breite Praxis mit dem Thema OER etwas anfangen können? Oder wird OER „von oben“ in die Breite kommen? Oder bleibt es für 95 Prozent der Bildungswelt ein theoretisches bzw. gar kein Thema? Das sind die offenen Frage für die nächsten vier Jahre.

Wenn du einen Wunsch bezogen auf das Bildungssystem frei hättest – welcher wäre das?

Ich würde die Abschlussprüfungen ändern. Das ist der größte Hebel, wenn man nur einen Wunsch frei hat. Ich würde als Grundsatz festlegen: Ein Prüfling darf in einer Prüfung alle Hilfsmittel benutzen. Alle! Die Informationen des Internets. Die Kommunikation mit Dritten. Die Zusammenarbeit mit Anderen. Wie im echten Leben! So etwas wie „Open Everything“-Prüfungen würden wirklich Kompetenzen prüfen!

Vielen Dank für deine Zeit!

***

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Jöran Muuß-Merholz (Foto Ben Bernhard CC BY 4.0)

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge und Inhaber der Agentur „J&K – Jöran und Konsorten“. Er arbeitet an den Schnittstellen zwischen Bildung & Lernen und Medien & Kommunikation. Insbesondere berät er Bildungseinrichtungen hinsichtlich der Frage, wie sie digitale Medien sinnvoll in ihrer Arbeit einsetzen können.

Neben beratenden und konzeptionellen Arbeiten der Agentur schreibt Jöran Muuß-Merholz für Fach- und Massenmedien, print und online. Jöran Muuß-Merholz hält Vorträge und gibt Workshops v.a. im deutschsprachigen Raum, aber zum Beispiel auch in Boston, Krakau, Stockholm und Tokio. Weitere Texte, Termine und Projekte von Jöran Muuß-Merholz finden sich unter www.joeran.de.

Foto: Foto Ben Bernhard (ausgeschnitten und Hintergrund retuschiert) CC BY 4.0

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3 Antworten zu Ich würde die Abschlussprüfungen ändern – ein Interview mit Jöran Muuß-Merholz

  1. Lisa Rosa schreibt:

    Danke für das schöne Interview, ihr beiden! Viel wahres dran. Obwohl doch auch wieder sehr vage: Alle Wege sind verschieden, gemeinsam ist, dass ein Weg beschritten wird (ich spitze jetzt zu). Interessant wären jetzt doch die Gemeinsamkeiten bezüglich der Richtung der Wege (denn beileibe nicht alle Wege führen aus Rom heraus), sowie die Art der Bewegung.
    Die Idee, das Pferd von hinten (nämlich von der Abschlussprüfung her) aufzuzäumen, hat was. Bitte genauer den Weg angeben, der dir dabei vorschwebt, wie das bis in die Veränderung des Lernens der Schüler dann aussehen könnte. (Ohne dass es zu wenig überraschenden unerwünschten Effekten kommt, nämlich wie schon bei falsch angewandter Präsentationsprüfung im Abitur).
    Eine andere Frage habe ich noch, Jöran: Du schreibst hier sinngemäß, dass „wenn nicht privatwirtschaftlich, dann staatlich, und das will man ja auch nicht.“ Das wundert mich ein bisschen, denn du müsstest als CC-Evangelist (und jemand, der mir einst den Rifkin auf den Geburtstagstisch legte ) doch alle Commons/Allemende/Genossenschaft/Nutzerselbstverwaltung RAUF UND RUNTER kennen. Naja. Manche kennen das Dritte, wenn es um die Mikro-Ökonomie geht, halten dann aber weiter fest an der Ansage „tertium non datur“, wenn es ums Makro geht. Auch wenn es keine offene (!) „hidden agenda“ gibt, bleiben alle Stiftungen natürlich der gesellschaftlich-ökonomischen Auffassungen ihrer Bezugs-Wirtschaft treu (Privateigentum, Wachstum und Profitmaximierung). Und natürlich ist da (nicht nur) die Gefahr gegeben, dass im Zweifels- und Konfliktfalle IMMER das Profitinteresse vor dem allgemeingesellschaftlichen menschlichen Interesse geht. (Analog zur politischen Praxis bezüglich der Menschenrechte). So kommt z.B. manche reduktionistische, auf die Verwertungsinteressen des Kapitals reduzierte „digitale-Bildung-Auffassung (wie ide Prämierung des Learntrackings fürs „Individualisierte Lernen“) am Ende in der Praxis heraus. Da hilft natürlich auch keine programmatische Ansage. Angesagt wird viel. Getan wird oft was anderes. Das zu trennen, haben politische Bildner eigentlich als wichtiges Werkzeug der Analyse von gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Eigenauskünfte von gesellschaftlichen Akteuren 1 zu 1 ernst zu nehmen, ist ein bisschen naiv. Zwar ist noch ein Gap zwischen der Bildungspolitik der USA und der der BRD, aber ich würde ihn nur graduell, nicht prinzipiell nennen. Dieser Unterschied fällt gerne unter den Tisch. Zur USA-Bildungspolitik siehe aktuell Diane Ravitch https://dianeravitch.net/2016/09/18/there-is-no-conflict-between-opting-out-of-tests-and-fighting-competency-based-education/

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  3. Pingback: Tablets im Prüfungsmodus als zeitgemäße Prüfungsformate? – Lernen im digitalen Wandel

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