Das digitale Lernen muss in allen Klassen, allen Fächern, allen Schulen stattfinden – ein Interview mit Senator Ties Rabe

Das Schlagwort „Digitale Bildung“ ist in aller Munde und wird – zuletzt wieder nach Ministerin Wankas Ankündigung, Bundesmittel für die digitale Infrastruktur an allen deutschen Schulen bereitstellen zu wollen – vielerorts kontrovers diskutiert. Ich habe den Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung Ties Rabe zu diesem Thema befragt.

Lieber Herr Rabe, die Hamburger Schulen (d.h. die an Schulen beschäftigten Menschen) haben in den letzten Jahren große Herausforderungen bewältigt bzw. sind dabei sie zu bewältigen. Etablierung der Stadtteilschulen, Inklusion und die Integration der Flüchtlinge seien als Schlagworte genannt. Nun also auch noch „digitale Medien“. Muss das denn sein?

Schulen haben die Aufgabe, Kinder und Jugendliche auf eine selbstständige, selbstbestimmte Teilhabe an unserer Gesellschaft und auf ein erfolgreiches Berufsleben vorzubereiten. Digitale Medien umgeben uns mittlerweile in fast allen Bereichen unseres privaten und Arbeitslebens. Untersuchungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (JIM-Studie 2015) zeigen, dass praktisch jeder 12- bis 19-Jährige ein eigenes Smartphone besitzt (92%) und neun von zehn Jugendlichen vom eigenen Zimmer aus mit einem Tablet, Laptop oder Computer ins Internet gehen können. Daraus ergeben sich für die Schule eine Forderung und Chance gleichermaßen: digitale Bildung. Die Forderung besteht in der Vermittlung von Medienkompetenz, die einen kritischen und kreativen Umgang mit digitalen Medien und ein grundlegendes Verständnis digitaler Themen vermittelt und damit den Kindern und Jugendlichen die digital selbstständige Teilnahme an unserer digitalisierten Welt ermöglicht.

Gleichzeitig ist die digitale Bildung nicht einfach eine neue Idee und eine weitere Forderung, die die Schulen umsetzen sollen. Die digitale Bildung ist auch insbesondere eine Antwort auf eine Vielzahl von Anforderungen an die Schulen. Das Lernen mit digitalen Medien in allen Unterrichtsfächern, die digitale Bildung, ist der Beitrag der Schulen zu einer Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg ins Leben.

Es gibt in Hamburg das bundes- ja sogar europaweit beachtete Pilotprojekt „Start in die nächste Generation“. Was genau verbirgt sich hinter dem Titel, welche Ziele verfolgt die BSB damit und welches Fazit ziehen Sie am Ende der Pilotphase?

Bei diesem Pilotprojekt geht es ganz kurz gesagt um die pädagogische und didaktische Einbindung von privaten Smartphones, Tablets oder Laptops der Schülerinnen und Schüler in den Unterricht aller Schulfächer. Sechs weiterführende Schulen in Hamburg, drei Stadtteilschulen  und drei Gymnasien, sind in die nächste Generation eines Unterrichtens und Lernens gestartet, bei dem die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen mobilen Computer mit in die Schule bringen und im Unterricht und zuhause damit Lernen sollen. Dieses Konzept des Einsatzes privater Geräte wird als „Bring your own device“ (BYOD) bezeichnet. In den beteiligten Schulen wurden neben den WLANs, die in jedem Raum einen sicheren und verlässlichen Zugang ins Netz ermöglichen, Lernplattformen, Lernprogramme und Apps für die Nutzung in der Schule und zuhause bereitgestellt. Das zentrale Ziel dieses Projektes ist es, die Chancen der digitalen Medien durch entsprechende Unterrichtskonzepte für eine Optimierung des Lernens zu nutzen und so den Lernerfolg der Schülerinnen  und Schüler zu verbessern.

Aus der zweijährigen Projektzeit wissen wir, dass sich die Zahl der teilnehmenden Klassen in den beteiligten Schulen vervielfacht hat. Lehrer, Eltern und Schülerinnen und Schüler finden den veränderten Unterricht gut. Digitale Medien werden dabei sehr häufig in zahlreichen Fächern, insbesondere auch in geisteswissenschaftlichen und sprachlichen Fächern eingesetzt. Die kleinen Bildschirme der Smartphones begrenzen allerdings die Einsatzmöglichkeiten etwas.

Auch die KMK hat sich dem Thema „Lernen unter den Bedingungen der Digitalisierung“ angenommen und ist dabei, ein Strategiepapier zu entwickeln. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden für Schulen auf dem Weg zum „digitalen Lernen“?

Hamburg hat sich maßgeblich an der Erarbeitung des Entwurfs der KMK – Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ beteiligt. Der Entwurf der Strategie benennt eine Reihe von Handlungsfeldern. In den Bildungsplänen und Curricula aller Fächer ist das Lernen mit digitalen Medien, der fachspezifische Einsatz und damit die Medienkompetenzförderung zu verankern. Wir müssen geeignete Lernplattformen und webbasierte Lernprogramme bereitstellen. Selbstverständlich gehört eine optimale IT-Infrastruktur zum digitalen Lernen. Gleichzeitig müssen die rechtlichen Fragen für einen Einsatz digitaler Medien geklärt werden, da mit intensivem Einsatz digitaler Bildung eine Menge an zusätzlichen Daten entsteht, die datenschutzkonform zu behandeln sind. Und natürlich müssen die Lehrkräfte vorbereitet und fortgebildet werden.

Das Entscheidende ist aber aus meiner Sicht ein neues Verständnis von Unterricht und Lernen. Es geht eben nicht mehr um den reinen Einsatz digitaler Medien. Ein Arbeitsauftrag wie „Recherchiert mit eurem Smartphone zum Thema …“ ist kein digitales Lernen im Sinne der Strategie. Es geht vielmehr um das selbstverständliche Nutzen aller Möglichkeiten digitaler Medien. Dazu gehören Lernplattformen, Lernprogramme, individualisiertes und teamorientiertes Lernen in der Schule wie auch Zuhause und das mit dem eigenen Endgerät, dem eigenen Smartphone, Tablet, Notebook. Die Rolle der Lehrkraft wird sich in diesem Lernprozess ändern. Die lernbegleitenden Funktionen der Lehrkräfte werden beim digitalen Lernen zunehmend an Gewicht gewinnen.

Wie können diese Hürden genommen werden?

Tiefgreifende Veränderungen sind nie einfach. Veränderungen machen Hoffnung, erzeugen aber auch manchmal Ängste.

Entscheidend ist, dass wir alle die Einsicht gewinnen, dass Digitalisierung kein vorübergehendes Phänomen oder kein Steckenpferd irgendwelcher Nerds ist, sondern dass unser Leben zukünftig, ob nun bewusst oder unbewusst, in immer stärkerem Maße durch die Digitalisierung beeinflusst werden wird. Wir müssen digitale Bildung als Bildungskonzept annehmen. Wir müssen nicht nur die Herausforderung, sondern auch die Chance beim digitalen Lernen sehen. Und dementsprechend müssen wir unsere Lehrkräfte dafür fitmachen. Gleichzeitig müssen wir Schulen und Lehrkräften aber auch Gestaltungsspielräume geben. Wir brauchen ihre Kreativität und Ideen, denn ein so umfangreiches Projekt kann nicht am grünen Tisch in der Behörde allein bewältigt werden. Und natürlich wird beim digitalen Lernen nicht alles von Anfang an gelingen. Aber Fehler dürfen und müssen vorkommen. Fehlerkultur ist ein Merkmal guter Schule. Entscheidend ist, dass wir nicht mehr warten. Das digitale Lernen muss in allen Klassen, allen Fächern, allen Schulen stattfinden. Das ist unser strategisches Ziel. Wir müssen unseren Unterricht, unser Lehren und Lernen auf das 21. Jahrhundert ausrichten.

Es gibt Schulen, die beklagen, dass die Technik/Infrastruktur entweder nicht vorhanden oder nicht funktionstüchtig ist. Wie kann digitale Bildung unter diesen Umständen gelingen?

Alle Hamburger Schulen sind mittlerweile durch Anbindung an das Hamburger Glasfasernetz mit einem schnellen Internetzugang ausgestattet und miteinander vernetzt. Damit sind in Hamburger Schulen bereits entscheidende Voraussetzungen für digitale Bildung geschaffen worden, die in ihrer flächendeckenden Ausführung einen bundesweiten Maßstab setzen.

Heute verfügen die Hamburger allgemeinbildenden Schulen über mehr als 30.474 Rechner und 4164 interaktive Whiteboards. (Stand 2014) Mit dem digitalen Zugangsportal EduPort erhalten alle Beschäftigten der Hamburger Schulen im Schuljahr 2016/2017 einen einfachen und sicheren Zugang zu einem dienstlichen E-Mail-Postfach. In diesem Schuljahr stellen wir allen Schulen die neue webbasierte Schulmanagementsoftware bereit, die erstmals neben den Schulbüros und den Schulleitungen auch den Lehrkräften zur Verfügung stehen wird. Das ist eine gute Grundlage, auf der wir aufbauen können.

Ich wünsche mir, dass die vorhandenen Möglichkeiten in allen Hamburger Schulen intensiv und intensiver genutzt werden.

Gibt es in Hamburg so etwas wie eine „digitale Agenda“ für Schulen? Wie sehen die Entwicklungsvorhaben für die nächsten Jahre aus?

Wir wollen digitale Bildung nicht auf das Schulfach Informatik beschränken, sondern in allen Schulen, Klassen, Fächern ermöglichen und umsetzen.

Bisher haben wir eine Vielzahl von verschiedenen Vorhaben im Bereich der digitalen Bildung in Hamburg. Diese zeigen, dass digitale Bildung ein Anliegen an vielen Schulen ist. Auf der Grundlage der bisherigen Maßnahmen werden wir die digitale Bildung in allen Schulen, Klassen, Fächern verankert. Die Strategie zielt insbesondere auf den flächendeckenden Einsatz digitaler Endgeräte und digitaler Lernprogramme ab. Sie umfasst die Weiterentwicklung von Lehrplänen, den Aufbau einer technischen Infrastruktur mit WLAN in allen Schulen, den Einsatz geeigneter Lernsoftware, die Klärung datenschutzrechtlicher Fragen, die Fortbildung von Lehrkräften sowie die Weiterentwicklung und Implementation geeigneter Schulverwaltungssoftware.

Digitale Bildung verändert das Lehren und Lernen in allen Schulen. Wir sind gut beraten, ihre Vorteile für die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen heute und in Zukunft zu nutzen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

***

 

Z

Senator Ties Rabe (Foto: Michael Zapf)

14.11.1960 in Hamburg geboren, verheiratet, drei Kinder

  • 1966-1969 Besuch der Grundschule Börnsen
  • 1969-1979 Besuch des Gymnasium Wentorf, Abschluss Abitur
  • 1979-1981 Zivildienst im Bethesda-Krankenhaus Bergedorf
  • 1981-1987 Studium für das Höhere Lehramt an der Universität Hamburg, Erstes Staatsexamen in Pädagogik, Religion, Deutsch und Geschichte
  • 1987-1989 Referendariat, Zweites Staatsexamen
  • 1990-1991 Redaktionsleiter des Anzeigenwochenblattes „Bergedorfer Rundschau“
  • 1991-2002 Leiter der Redaktion des Elbe-Wochenblatt-Verlages mit sieben Wochenblättern in den Stadtbezirken Harburg, Eimsbüttel und Altona
  • 1992 Eintritt in die SPD
  • 2002-2006 Geschäftsführer der SPD Hamburg
  • 2006-2011 Fach- und Klassenlehrer am Luisengymnasium mit den Fächern Deutsch, Religion, Geschichte und Gemeinschaftskunde
  • 2008-2011 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft
  • seit 23. März 2011 Senator
  • 2012 Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK)
  • Seit 2015 Koordinator für Bildung und Wissenschaft der A-Bundesländer, Präsidiumsmitglied der KMK

 

Bildnachweis: Michael Zapf

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