Schule im Jahr 2030 – ein Interview mit Prof. Dr. Frank Thissen

Zu den wichtigen schulpolitischen Themen des Jahres 2016 zählten neben der Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen sowie der Umsetzung der Inklusion auch und vor allem das Thema Digitale Bildung, welches auf vielen Konferenzen, Barcamps, Gipfeln und Kongressen diskutiert wurde. Auf einer dieser Veranstaltungen, der Konferenz schulentwicklung.digital, habe ich Prof. Dr. Frank Thissen getroffen und ihn nach der Konferenz zur Zukunft des Bildungssystems befragt.

Lieber Herr Thissen, beschreiben Sie doch bitte einmal, wie für Sie eine gute Schule im Jahr 2030 aussieht.

Die Schule im Jahr 2030 bereitet auf das Leben in einer digitalisierten Welt, die vielfältig, komplex, globalisiert und in vielerlei Hinsicht herausfordernd ist, vor. Das primäre Ziel von Schule sollte es sein, mündige, neugierige und verantwortungsbewusste Menschen zu erziehen, die gelernt haben sich kritisch und reflektiert mit ihrer Welt auseinanderzusetzen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und ein grundlegendes demokratisches Bewusstsein besitzen. Die Schule sollte Haltungen wie Toleranz, Neugier, Engagement und Veränderungsbereitschaft fördern.

Sie ist kein abgeschlossener Raum, sondern steht in vielfältigen Beziehungen zu Partnern, wie z.B. den Menschen in ihrer räumlichen Umgebung, aber auch zu anderen Schulen weltweit und zu Institutionen. Damit steht sie nicht für sich allein, sondern ist vielfältig und vielschichtig vernetzt. Sie lebt vom intensiven Austausch.

Der Unterricht findet fächer- und altersübergreifend in konkreten und praxisorientierten Projekten statt, bei denen die Schüler komplexe und reale Aufgabenstellungen gemeinsam erarbeiten, Lösungen entwickeln und diese öffentlich präsentieren. Es wird nicht mehr nach Fächern unterrichtet, sondern Phänomene, also interessante Fragestellungen und Aufgaben, stehen im Mittelpunkt.

Es findet kein traditioneller Unterricht mehr statt, sondern die Schule gleicht eher einem Experimentallabor, als einer Fabrik mit festen Zeittaktungen und Einteilungen nach Alter, Fächern und Klassen.

Auch die Rollen sind andere als dies in den meisten Schulen heute der Fall ist. Man lernt gemeinsam, die Schüler organisieren sich und ihre Zusammenarbeit, übernehmen aber auch vielfältige Aufgaben zur Schulorganisation und sind an allen Entscheidungen beteiligt. Lehrer werden zu Lernbegleitern, deren fachliches Wissen und Lebenserfahrung eine bedeutende Rolle spielt, die aber nicht mehr im Zentrum stehen und das Geschehen steuern. Schüler unterstützen sich gegenseitig in Lernteams.

Für diese Veränderungen werden neue Gebäude gebraucht, die äußerst flexibel mit Räumen und Mobiliar umgehen, sich permanent an die vielfältigen Arbeitsweisen anpassen lassen und vor allen Dingen einen sehr hohen Wohlfühlcharakter haben.

Technologien und das Internet werden selbstverständlich genutzt, nicht nur zur Recherche, sondern auch zum Austausch untereinander und mit externen Partnern, zur Produktion von Medien durch Schüler wie Erklärvideos oder Lehrbücher, ganz im Sinne des Learners-as-Designers-Konzepts.

Auf die unterschiedlichen Merkmale von Schülern kann in diesem Konzept intensiv eingegangen werden, und auch eine einheitliche Benotung fällt weg. Vielmehr gilt es, die Stärken zu fördern und Schwächen auszugleichen, vor allem aber den Schülern zu helfen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Die fehlende Benotung wird ersetzt durch ein vielschichtiges Feedback-Konzept.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen mit denen sich das Schulbildungssystem in Deutschland konfrontiert sieht? Und wie können diese bewältigt werden?

Die größte Herausforderung besteht darin, dass wir uns zur Zeit keine andere Schule als die herkömmliche, die wir seit dem vorletzten Jahrhundert kennen, vorstellen können. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass  Kosmetik an unserem Schulsystem nicht weiterhilft und wir Schule im 21st Jahrhundert vollkommen neu denken müssen. Zur Zeit verändert sich sehr viel in unserer Welt, der Gesellschaft, im Beruf und auch im Privatleben wie Stichworte wie »Digitalisierung« und »Industrie 4.0« deutlich machen. Schulen als geschützten Raum anzusehen, der vor diesen Veränderungen bewahrt, halte ich für verantwortungslos. Vielmehr gilt es, einen kritischen Umgang mit diesen Veränderungen in der Schule einzuüben.

Wie beurteilen Sie das Spannungsfeld von digital getriebenem Fortschrittoptimismus (auch im Bildungssystem) und den daraus resultierenden Zukunftsszenarien, die ja bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl hervorrufen?

Ich halte es da mit Alan Kay, der einmal gesagt hat »The best way to predict the future is to invent it.«. Wenn wir wie das Kaninchen gebannt auf die Schlange starren, kommen wir nicht weiter. Wir müssen die Chancen, die in den Veränderungen liegen, nutzen und unsere Zukunftsszenarien aktiv mitdefinieren. In der Diskussion geht es mir zu sehr darum, was wir alles nicht wollen, anstatt zu definieren, was wir wollen. Dies setzt natürlich auch voraus, dass wir wissen, welche Werte uns wichtig sind und wie wir zusammen leben möchten. Und es spielen sicher auch solche Begriffe wie Lebensqualität, Glück und Gerechtigkeit eine große Rolle.

Wie müssen junge Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden, um in den nächsten Dekaden erfolgreich arbeiten zu können?

In der Ausbildung von müssen die oben beschriebenen Konzepte ebenso eingesetzt werden wie in der Schule. Auch sie müssen projektorientiert auf ihren Beruf vorbereitet werden, sich intensiv mit Technologien und den Veränderungen auseinandersetzen, die sozialen Medien selbstverständlich nutzen und lernen, sich permanent weiter zu entwickeln. D.h. konkret, dass ab dem ersten Semester an einer Universität oder pädagogischen Hochschule ein anderer Unterricht stattfinden muss, als dies heute leider oft noch der Fall ist. Wenn ich in der Ausbildung weiterhin eher traditionelle Formen des Unterrichtens und Lernens finde, wird der alte Habitus massiv verstärkt. Da bringen dann auch spätere Fortbildungen nicht mehr viel.

Welchen Bildungsbegriff brauchen wir für das 21. Jahrhundert? Beschreiben Sie bitte.

Bildung hat etwas mit Reflexion, Verantwortung, Stellung nehmen und einem Wissen um kulturelle Werte und Errungenschaften der Menschheit zu tun. Sie basiert auf einem humanistischen Weltbild, das seine Wurzeln und deren Ausprägungen in der Kultur kennt. Sie strebt die Entwicklung und Förderung einer ganzheitlichen Persönlichkeit an.

Es gibt eine Vielzahl von durchaus relevanten Stimmen (bspw. hier oder hier), die den Prozess der Digitalisierung im Schul-/Bildungssystem, sehr kritisch sehen. Wie gehen Sie persönlich mit diesen Kritikpunkten um?

Diese Kritik wird sehr häufig von Menschen geübt, die die sozialen Medien nicht zu kennen scheinen und auch einen medien- und technologiegestützten Unterricht nicht erlebt zu haben scheinen.  Denn sonst würden sie mehr über die Vorteile und Möglichkeiten und das große Potenzial wissen.

Und die Veränderungen und Bedeutung von neuen Technologien zu ignorieren oder abzulehnen, halte ich für äußerst sträflich. Dies bedeutet ja nicht, dass alles was technisch möglich ist, sinnvoll und gut ist, und selbst verständlich gibt es auch Gefahren und Probleme im Umgang mit Medien. Aber gerade deshalb ist es wichtig, diesen Umgang in der Schule zu erlernen und verantwortlich mit diesen Veränderungen umzugehen.

Fritz Stern hat eindrucksvoll darauf hingewiesen, dass Kulturpessimismus sehr rasch zu einer politischen Gefahr für die Demokratie wird und uns nicht weiterbringt.

Ich kenne einige Schulen, die sich den Veränderungen und technologischen Entwicklungen stellen und sie für das Lernen intensiv nutzen. Das Ergebnis ist häufig eine große Zufriedenheit bei allen Beteiligten.

Vielen Dank für Ihre Zeit.

***

frank-thissen

Prof. Dr. Frank Thissen

Prof. Dr. Frank Thissen beschäftigt sich seit Mitte der 80er Jahre mit den Möglichkeiten des computerunterstützten Lernens. Nach Tätigkeiten an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und in der Industrie (Siemens AG, SAP AG) unterrichtet er seit 1997 an der Hochschule der Medien in Stuttgart die Fächer »E-Learning«, »Interkulturelle Kommunikation« und »Kreativität«. 2001 wurde der von ihm konzipierte Studiengang Informationsdesign als völlig neuer interdisziplinärer Studiengang gegründet.

Schwerpunkte seiner aktuellen Forschungsaktivitäten sind die Möglichkeiten des mobilen Lernens in Schule, Hochschule und Weiterbildung, Konzepte zum geschichtenbasierten Lernen und die Bedeutung von virtuellen und realen Lernräumen.
Seit 2010 arbeitet er mit mehreren Partnerschulen in Deutschland an Konzepten des Einsatzes von Tablets im Unterricht und der Gestaltung von Lernräumen. Im Rahmen eines ERASMUS+-Projektes entwickelt er zur Zeit Konzepte und Materialien für die Lehreraus- und -weiterbildung zur Nutzung mobiler Technologien in der Schule. Im Rahmen des BMBF-Projektes DiNöB entwickelt er narrative Lernkonzepte zur ökonomischen Bildung an Berufsschulen.

Zudem hat er die wissenschaftliche Leitung des Innovation Labs der Ernst Reuter-Schule Karlsruhe.

www.frank-thissen.de

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2 Antworten zu Schule im Jahr 2030 – ein Interview mit Prof. Dr. Frank Thissen

  1. Lemmy69 schreibt:

    Das Übliche! Pädagogisches Wunschdenken („…Lehrer als Lernbegleiter und Moderator, komplexe Projekte statt fachlich strukturiertes Wissen, Kompetenzen statt Fachwissen, sich selbst organisierende Schüler…“ etc.), dargelegt von einem Professor, der – zumindest lt. seines Lebenslaufs – noch nie im Leben ernsthaft als Lehrer an einer öffentlichen Schule gearbeitet hat! Ich empfehle Herrn Professor Dr. Thissen, mal für mindestens ein Schulhalbjahr an einem Kölner Berufskolleg im Bereich „BWL / REW“ zu unterrichten, vorzugsweise in Bildungsgängen wie „Verkäufer“ / „Einzelhandelskaufmann“, in der „Höheren Berufsfachschule für Wirtschaft“ (früher: Höhere Handelsschule) oder in Berufsförderungsklassen – inklusive Bewertung und Zeugnisnoten! Dann wird der Herr Professor sehr schnell erkennen, dass seine Vorstellungen reines Wunschdenken sind und mit der Realität NICHTS zu tun haben – und dass die „medialen und digitalen Kompetenzen“ der Schüler sich ausschließlich auf´s WhatsApp-Tippen oder Facebook-Chaten mit dem Handy während des Unterrichts beschränken. Der Gipfel seiner Ausführungen ist m.E. aber die Aussage, dass all denjenigen, die die Digitalisierung im Unterricht als kritisch ansehen, eine mangelnde Erfahrung / Selbstkompetenz in digitalen Medien unterstellt wird, nach dem Motto: Die haben doch selbst keine Ahnung von der digitalen Welt, die Schüler seien da doch viel weiter! So eine Aussage ist blanker Unsinn, vielleicht sollte Herr Thissen sich einmal die Erkenntnisse der Hirnforschung (z.B. Prof. Manfred Spitzer) zu Gemüte führen… Ich kann (leider) nur konstatieren: Schüler mit einer qualifizierten Fachoberschulreife scheitern größtenteils in der Berufsschule an einfachsten Prozentrechnen- und Dreisatzaufgaben – vom Verständnis für (betriebs-) wirtschaftliche Zusammenhänge oder gar des Rechnungswesens ganz zu schweigen! Und das lässt sich nicht durch „noch mehr Computer“ oder „weniger Lehrerrolle“ im Unterricht abstellen!

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    • Frank Thissen schreibt:

      Sehr geehrter Lemmy69,

      das »pädagogische Wunschdenken« ist an einigen Schulen in Deutschland bereits Realität, wie z.B. an der Alemanenschule Wutöschingen, der Villa Wewersbusch in Velbert, der Freiherr vom Stein Schule Fulda oder auch an der Ernst Reuter Schule in Karlsruhe, an der im Rahmen eines Innovation Labs genau diese Brücke zwischen schulischem Alltag und wissenschaftlicher Begleitforschung gelebt wird.

      Im Rahmen des vom BMBF geförderten DiNöB-Projektes (http://www.oeb-handel.de) arbeiten wir intensiv mit berufsbildenden Schulen (Mannheim, Neuwied, Marburg, Minden u.a.) zusammen und kennen deren Problematik (Motivation, Lernleistungen, Heterogenität) sehr gut. Gerade dabei hat sich gezeigt, dass eine radikale Veränderung des Unterrichts, die die Verantwortung für das Lernen verstärkt in die Zuständigkeit der Schüler legt, projektorientiert arbeitet und von der frontalen Trennung von Lehrern und Schülern abrückt, sehr positive Ergebnisse hervorbringt. In einer Mannheimer Schule haben wir im letzten Sommer in einem Workshop mit Schülern erarbeitet, wie die für sie optimale Schule aussieht. Und es war erstaunlich zu sehen, welche Ideen die Schüler hatten, die sich auch mit der aktuellen pädagogischen Forschung sehr gut decken, und wie auch Schüler, die als sehr passiv galten, plötzlich sehr lebendig und aktiv wurden.

      Dass auch extrem schwache Schüler durch einen veränderten Unterricht massiv profitieren, zeigen die Aktivitäten von John Smith in Ohio, der mit seinen Sonderschülern Bücher erstellt hat und dabei erfahren konnte, dass die Schüler dadurch nicht nur motiviert waren, sondern auch ihre Leistungen intensiv steigerten.
      Die Freiherr vom Stein Schule in Fulda berichtet von ähnlichen Erlebnissen.

      Es ist immer wieder dasselbe Muster: wenn Schüler ihre Selbstwirksamkeit wahrnehmen können und sich nicht als passiv Geschulte erleben, steigen Motivation und Leistungen.

      An einer Schule in Waiblingen haben wir im Projektunterricht erlebt, dass die Handys durchaus auch zwischendurch zum Spielen und für private Zwecke genutzt wurden, dass aber in einem mehr oder weniger selbstgesteuerten Lernsetting dies gezielt in Pausen zur Entspannung vorkam und danach wieder intensiv weitergearbeitet wurde.

      Dies sind meine eigenen Erfahrungen, die sich durch internationale Beispiele wie auf edutopia.org ergänzen ließen. Zudem gibt es in Deutschland schon einige Lehrer, die ihre positiven Erfahrungen in Blogs vorstellen.

      Zu den Thesen des Herrn Spitzer empfehle ich Ihnen nur die folgenden Quellen:

      http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/pages/zur-kontroverse-um-das-buch-von-manfred-spitzer-digitale-demenz-2012/

      http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/handouts/2012_09_12_Stellungnahme_zu_Thesen__Spitzer.pdf

      http://wiki.doebe.li/Beat/WennSpitzerStudienZitiert

      http://www.carta.info/47569/zwischenbilanz-zu-spitzers-digitaledemenz/

      Vielleicht haben Sie ja Lust, Anfang März zu dieser Veranstaltung zu kommen: https://villawewersbusch.org/2016/09/05/kongress-lernen-der-zukunft/
      Von Köln ist es ja nicht weit bis Velbert und dort können Sie Kollegen kennenlernen, die ähnliche Fragestellungen haben wie Sie an ihrer Schule in Köln.

      Mit freundlichen Grüßen

      F. Thissen

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